Keine Freunde für Depressive?

Wir können nicht ständig willkürlich Leute in unser Boot holen und sie wieder über Bord gehen lassen, weil sie keine Kraft mehr zum Rudern haben oder weil uns der luxuriöse Dampfer nur ohne sie aufnimmt. 

Das habe ich hier vor bereits mehr als einem Jahr geschrieben, aber eher allgemein und nicht im Zusammenhang mit der Depression. Freundschaften und Depressionen sind zwei Dinge, die miteinander nicht ganz so gut funktionieren. Ich hatte, beziehungsweise habe immer noch diese kindlichen unrealistischen Vorstellungen von Freundschaften (die ich ehrlich gesagt auch nicht ablegen mag) und war mir sicher: Freundschaften, die wegen Depressionen zerbrechen, waren nie wirklich welche. Das stimmt natürlich auch in einer Art und Weise. Wenn ich sehe, dass Freundschaften zerbrechen – aus welchen Gründen auch immer – dann liegt es immer daran, dass Grenzen erreicht wurden, die vorher noch nicht im Raum standen, von denen man einfach nicht dachte, dass sie existieren. Genau deswegen kann man eigentlich schlecht sagen, ob eine Freundschaft an sich beständig ist, denn manchmal tauchen diese Grenzen einfach nicht auf und man muss nichts in Frage stellen. 

Wer an Freundschaften in Verbindung mit Depressionen denkt, denkt zuerst an Rückzug. Den Rückzug will ich aber heute erstmal hinten anstellen, denn wie es eben nicht DEN Menschen gibt, gibt es auch nicht DEN Depressiven oder DIE Depressive. Es hat nicht eben immer jede komplizierte Situation mit Rückzug zu tun. Zu Beginn meiner letzten Phase habe ich das totale Gegenteil vom Rückzug gesucht, ich war so oft es ging unter Menschen. Der soziale Rückzug ist auch ein Ding, was in der breiten Öffentlichkeit zu einem MUSS gehört, um als depressive Person ernst genommen zu werden – auch wenn Viele diese Einstellung nicht bewusst wahrnehmen: sie haben sie. Als ich den ersten Post zu Depressionen verfasste, bekam ich auch eine Nachricht, dass depressive Menschen gar nicht über ihre Krankheit reden und  er mich somit nicht ernst nehmen könne. Überrascht hat mich das leider nicht. Auch aus diesem Grund möchte ich euch einmal erläutern, warum Freundschaften oft so schwierig werden können – selbst wenn man sich nicht zurückzieht.


Ein Grund ist auf jeden Fall eine völlig unterschiedliche Lebensrealität zwischen Menschen mit und Menschen ohne Depressionen. Die Gesunden sehen vielleicht kein Problem, während es Depressiven schwer fällt mit diesem „Nicht“-Problem umzugehen. Aufpassen: Das heißt nicht, dass es das Problem nicht gibt! Es wird eben nur anders bewertet. 


Wenn ich Depression und Freundschaft eingebe, ist einer der ersten Vorschläge: „Depression Freundschaft kündigen.“ und auch wenn ich die Artikel überfliege, zieht sich einiges in mir zusammen: Neben Tipps, wie man mit Depressiven FreundInnen umgeht, lese ich vor allen Artikel von Menschen, die mit depressiven FreundInnen „fertig werden“ müssen. Ich finde es immer wieder schwierig das zu lesen, denn ich fühle mich als Betroffene ein wenig herabgesetzt. In den Augen der anderen gilt man als eben „nicht gesund“, was auch dazu führen kann, dass man einfach nicht mehr ernst genommen wird. 
Freunde und Freundinnen bekommen ja hier und dort die unterschiedliche Bewertung von Situationen mit – das kann dazu führen, dass jede einzelne Sache, die man selbst kritisiert, zu einem Beweis des eigenen Zustands wird. Nicht von einem Selbst, sondern von Außen. Es ist fast nicht mehr möglich über Dinge zu sprechen, die einen ärgern, da sie ständig in Verbindung mit deiner Krankheit bewertet werden (oder du angeblich schon viel zu oft über negative Dinge gesprochen hast). 


Außerdem kann man als Betroffener oder Betroffene schwer Dinge los lassen, die einen in irgendeiner Weise beschäftigen. 

Da können wir wahrscheinlich erstmal wirken wie eine Mutter, die kein anderes Thema als Windeln und den richtigen Maxi-Cosi kennt – allerdings gibt es auch Gesprächsthemen, die als depressiver Mensch nicht gerade erträglich sind. Aber die hält man aus. 

Ich sehe oft die Konstellation: 
Gesunder Freund oder gesunde Freundin „hält es nicht mehr aus“ und beendet die Freundschaft. Die Situation scheint klar zu sein: Depressiver Mensch war „zu“ depressiv. Dabei gehören immer zwei dazu! 
Wir machen gerne immer einen Fehler: Wir verlangen von unseren Freunden, dass sie uns irgendwie glücklich machen, dass sie uns eine angenehme Zeit verschaffen. Das ist per se erstmal nichts Schlechtes, denn sonst würden wir ja keine sozialen Beziehungen eingehen – nur können wir eben nicht verlangen, dass jemand für uns glücklich ist, nur weil wir uns schlechten Stimmungen nicht so gut entziehen können. 
Freundschaften zerbrechen nicht aufgrund einer Depression, sondern aufgrund eines falschen Umgangs damit – und das liegt nicht nur am Betroffenem selbst. Es fehlt oft eine vernünftige Grundlage miteinander umzugehen. Das schiebe ich meist aber auch auf die mangelnde Aufklärung und sich hartnäckig haltende Vorurteile. 



Wie du als gesunder Mensch auf mich wirkst, wenn es mir schlecht geht

Kennst du dieses Gefühl nach einer harten Trennung? Überall siehst du diese verliebten Pärchen, diese Menschen, die „ihr“ sein könntet.
Damit kannst du dieses Gefühl schon nachvollziehen. Das Gefühl wenn ich dich sehe, wie bei dir alles funktioniert was mir schwer fällt. Bis hierhin ist das noch okay, denn wir haben uns beide unseren Zustand nicht ausgesucht. Aber Einige von deiner Sorte verurteilen mich. Denn ich bin nicht immer das, was du von einer jungen Frau so erwartest. Ich bin gern etwas, was du nicht erwartest, aber ich bin gerne etwas, was ich von mir erwarte. Und das was ich gerade bin, erwarten wir beide nicht. Manchmal weißt du das und es ist dir trotzdem egal – denn „wie du es machen würdest“ steht im Vordergrund. Ich kann nichts mehr richtig machen, denn für dich bin ich ein Konstrukt voll unerfüllter unrealistischer Erwartungen. Du hörst mir nicht mehr richtig zu und bleibst lieber weiter in deiner geradlinigen rosaroten Puderzuckerwelt. 
Du bist anstrengend, auslaugend. Ich ertrage deine herablassende Art nicht mehr. Ich bin nicht da um dich zu schmücken und dir zu geben was du brauchst. Ich bin ich, ich bin eine Person, ein Charakter – ich bin KEINE Krankheit. 
Dein Verständnis ging nicht einmal so weit wie du von dir geglaubt hast.