stray – ein Review

Machen wir uns nichts vor – ADHS-Gehirne lieben Computer-Spiele. Vor allem wenn sie jung sind. Und so verbrachte ich damals sogar fast meine ganzen Osterferien im Sims-Hyperfokus und auch von einem uralten Game namens Zanzarah kam ich eine ganze Zeit lang nicht los. Sonst hält sich meine Gaming-Erfahrung allerdings in Grenzen. Ich habe hier und da mal eine Runde Minecraft gespielt oder bin irgendwelche Rennen gefahren – aber dass ich von selbst ein Spiel wirklich interessant genug fand, um es mir zu holen und durchzuspielen, kam nicht vor – bis vor Kurzem. Ich habe nämlich auf ein ganz bestimmtes Spiel gewartet und es ist gerade in aller Munde: Stray.

(Spoiler Alert: Ich gebe hier ein bisschen vom Anfang der Story wieder, der auch eine Information enthält, die man erst gegen Ende des Spiels erfährt, sofern man nicht mit allen Robotern in der Untergrundstadt spricht)

In Stray spielt man eine kleine süße Katze, die wieder nach Hause finden muss. Dafür muss sie sich durch eine menschenleere futuristische Untergrund-Stadt kämpfen, die auch noch mit kleinen tödlichen Wesen (Zurks) infiziert ist. Alleine ist man zum Glück trotzdem nicht – der kleine Roboter B-12 (angelehnt an den Namen des Entwickler-Studios BlueTwelve) leistet nicht nur Gesellschaft, sondern kann auch mit den nicht-menschlichen Bewohner:innen der Stadt kommunizieren.

Diese nicht-menschlichen Bewohner:innen sind eigentlich recht freundliche, zu Anfang eher verängstigte Roboter mit Köpfen aus Computer-Bildschirmen. Es stellt sich recht schnell heraus, dass sie ein eher trauriges Dasein fristen, denn in ihrer Stadt ist es immer dunkel – Lichtquellen sind nur elektronischer Natur und der Himmel wird von einer Kuppel verdeckt, an der Lichter angebracht sind, die Sterne suggerieren sollen. Die Welt aus denen wir als Spieler:innen kommen, heißt für diese Roboter „Außenwelt“ und Manche glauben gar nicht mehr an ihre Existenz.

Allerdings gibt es kleine Gruppe von Robotern – die sogenannten Außenweltler – die sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen Weg in die Außenwelt zu finden. Und so müssen wir uns auf den Weg zu Momo machen, die Einzige dieser Gruppe, die noch in dieser Stadt lebt – denn der Rest ist totgeglaubt, umgekommen auf der gefährlichen Suche nach dem Weg in die Außenwelt…

Die Katze und der Musiker

…und so schlüpfte ich also in die Rolle dieser Katze, um sie nach Hause zu bringen – und glaubt mir, ich saß schon lange nicht mehr mit so leuchtenden Augen vor einem Bildschirm! Ich war direkt verliebt in dieses Spiel. Natürlich wegen der Katzen, aber auch, weil man nicht nur eine Katze spielt, sondern auch wirklich eine ist. Das heißt: man maunzt, man schnurrt, man kann Sachen runter schmeißen oder sich auch einfach mal hinlegen und eine Runde schlafen – wie zum Beispiel neben einem Straßenmusiker (was ein sehr süßes Bild abgibt). Dieses Katze sein nahm ich anfangs dann ein wenig zu ernst und so hielt ich mich viel zu lange an der Eröffnungssequenz auf, indem ich eine Eisentür anmaunzte (die natürlich nicht auf ging und alle anderen Türen danach ebenfalls nicht). Weiter im Spiel merkte ich, dass es nicht nur super niedlich aufgezogen ist, sondern auch noch wirklich gut aussieht. Trotz düsterer Abschnitte schafft Stray es, immer ein bisschen von dieser comforting „Lofi-Ästhetik“ zu behalten und man hat auch irgendwie das Gefühl, an einem regnerischen Herbsttag auf der Couch zu sitzen, Tee zu trinken und zu zocken – und das obwohl es draußen eigentlich 30 Grad hat.

Neben all diesen Plus-Punkten fand ich es als gaming-unerfahrene Adhslerin auch noch wirklich angenehm zu spielen: es geht hier nicht darum punktgenau irgendwelche Battles zu gewinnen, sondern darum, eine Geschichte von Anfang bis Ende zu erkunden und irgendwie auch selbst zu erzählen. Der Frust des nicht weiter kommens hielt sich in Grenzen und es gab unendlich Zeit die einzelnen Kapitel zu erkunden – mit kleinen Side-Quests, die für mich natürlich interessanter waren, als das was ich eigentlich tun sollte (und ehrlich gesagt habe ich das Fertig sein absichtlich etwas hinausgezögert, denn ich wollte nicht, dass es endet). Einen kleinen Kritikpunkt habe ich aber trotzdem: Das Ende. Es ist nicht wirklich rund und ein viel zu schneller Abschied von dieser düster-niedlichen Welt. Aber vielleicht geht es noch weiter? Gegen einen zweiten Teil hätte ich absolut nichts einzuwenden.

Ihr seid neugierig geworden und wollt Stray auch spielen? Das könnt ihr – denn das Spiel ist nicht nur für Playstation 4 und 5, sondern auch für Windows erschienen, also braucht ihr nicht unbedingt eine teure Konsole. Je nachdem wo ihr es kauft, kostet es zwischen 29,99 und 39,99 Euro. Ich denke mal, wenn ihr ein bisschen Zeit verstreichen lasst und es wirklich für die regnerische Tee-Saison „aufhebt“, wird es etwas günstiger sein.

Zum Schluss gibt es noch ein paar kleine Tipps von mir:

– Erkundet ALLES: Sprecht mit jedem Roboter, dem ihr begegnet, schaut in jeder Ecke, was ihr machen könnt, es gibt so viel zu finden

– Sammelt die Erinnerungen ein: in jedem Kapitel könnt ihr eine Erinnerung von B-12 finden. Bevor ihr die Kapitel verlasst, schaut, dass ihr diese Erinnerung habt; so bekommt ihr eine interessante Geschichte

– Zurks sind nicht besonders intelligent: manchmal reicht es auch einfach sie in den Abgrund zu locken, anstatt sie zu bekämpfen

– Findet die Blumen im Baumhaus

Erfahrungsberichte 1.0

Viele Jahre meines Leben sind geprägt von Freundschaften zu Männern – vor allem wenn ich mir die letzten Jahre so ansehe: Ich hing einen Großteil meiner Zeit mit hauptsächlich männlichen Gruppen rum. Ich habe mir das nicht bewusst so ausgesucht und es fiel mir sehr lange auch gar nicht wirklich auf – bis jetzt. Es hat mich mehr geprägt als ich dachte und das nicht gerade im positiven Sinne.

Das hier soll keine Analyse meiner Freundschaften werden, es soll eher ein Erfahrungsbericht sein – ein Erfahrungsbericht über Sexismus. Ich wollte es lange nicht so nennen – wieso sollte ich Freunden von mir Sexismus unterstellen? Doch – wie wir alle wissen – macht Sexismus nirgendwo Halt. Und je bewusster ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, wie viel davon es wirklich war.

Warum ich am Ende oft immer mehr in männlichen Freundesgruppen landete, hatte wahrscheinlich zwei Gründe: Zum einen, dass ich immer sehr offen gegenüber Freund:innen meines Partners bin und zum Anderen, weil ich oft das Gefühl hatte unter Männern mehr „daneben“ sein zu können, mehr das Laute, das Impulsive, das Exzessive in mir ausleben zu können. Letzteres stellte sich allerdings als massiver Fehlschluss heraus, denn genau das hat viel mit meinen Erfahrungen zu tun.

Eine Person mit Meinung? Hilfe?

Die Probleme begannen immer, sobald ich eine Meinung äußerte, die nicht unbedingt volle Zustimmung in der Runde bekam, sie begannen immer, sobald ich aktiv in der Gruppe handelte. Es schien, als wäre man durchaus überrascht von mir, überrascht davon, dass ich Teilhabe wollte, dass ich mich selbst und Dinge, die mit mir zu tun hatten, einbrachte – das war wohl ein Stressfaktor. Mit der Zeit merkte ich, wie ich immer weniger und weniger ernst genommen wurde: Wenn es um gesellschaftliche Themen ging, war ich im Voraus schon die „getriggerte Feministin“ und mir wurde sogar mal gesagt, ich solle doch einfach mal „Dinge schlucken“ und „mich entspannen“, Themen von denen ich mehr Ahnung hatte als der Rest kamen nie wirklich zur Sprache, einen eigenen Musikgeschmack hatte ich eh nicht, der war ja nur durch den der Jungs begründet und grundsätzlich war man der Meinung, dass ich die Welt nicht verstanden hatte. Natürlich lag das auch alles an mir selbst, an meiner Person, nicht daran, dass ich eine Frau war. Mittlerweile bin ich aber ziemlich überzeugt davon, dass es zu einem großen Stück damit zusammenhing. Alles was mit mir zu tun hatte, wurde als weiblich deklariert, eben das Gegenteil von männlich und damit konnten und wollten sie nicht wirklich was zu tun haben.

Ja, es gab in diesen Freundeskreisen auch andere Frauen. Ich merkte allerdings irgendwann, dass es von ihnen entweder Schweigen oder Zustimmung gab. Eine dieser Frauen erzählte mir mal, dass sie an den Abenden immer einschlief, weil sie nie das Gefühl hatte, sie selbst sein zu können. Sie hatte das Gefühl sonst nicht gemocht zu werden, zu stören. Und ich störte. Anscheinend störte ich immer ziemlich.

Ich verstand es lange nicht wirklich, warum ich nicht so sein durfte, wie ich eben war, denn vergleichbare Eigenschaften fanden sich auch bei den Menschen um mich herum, bei den Männern um mich herum und da waren sie auf einmal okay. Trotzdem ich in den letzten Jahren immer mehr über den alltäglichen Sexismus, den Frauen erfahren, gelernt habe und wusste, dass es so Dinge wie mansplaining gibt, wäre mir nie in den Sinn gekommen, in diese Richtung zu denken. Zu groß war die Überzeugung, dass es ja doch an mir liegen könnte, dass ich viel zu laut und viel zu anstrengend sei, dass ich doch unfähig bin und sowieso grundsätzlich komisch. Zu komisch, um ernst genommen zu werden. Ich habe es doch selbst verbockt, dachte ich immer wieder, ich hätte nicht so viel sagen sollen, oder: Ich hätte nicht so viel trinken sollen, oder: Ich hätte vielleicht einfach mal nicht meine Meinung vertreten sollen.

Die Wahrheit ist: Ich glaube auch dann wäre es nicht unbedingt besser gewesen. Auch dann hätte ich meine Erfahrungen gemacht. Dann hätte es andere Dinge gegeben: Vielleicht wäre mein Kleidungsstil oder mein Gewicht in den Fokus gerutscht, wer weiß, irgendwas hätte sicher nicht gepasst.

Und: natürlich waren Konflikte beidseitig begründet, aber die Fairness suche ich im Nachhinein immer noch vergeblich. Anstatt sich auf Augenhöhe zu begegnen, merkte ich, wie ich immer wieder in die Rolle eines „kleinen naiven Mädchens“ rutschte, was mich wütend machte – die Wut aber machte es natürlich auch nicht besser, denn wütende Mädchen sind „gestört“ und „krank“. Ich möchte hier besser nicht ausführen, was ich mir anhören musste, als ein Konflikt tatsächlich mal eskalierte.

Ich habe wirklich sehr viele Jahre meines Lebens geglaubt, dass ich einfach sehr anstrengend und speziell bin. Ich habe sogar geglaubt, dass ich manchen Dingen einfach nicht gewachsen bin. Einfach nur durch männliche Zuschreibungen, sogar durch die meiner eigenen „Freunde“.  Ich habe geglaubt, dass ich nur ernst genommen werden kann, wenn ich gewisse Dinge tue, oder eben auch nicht tue. Dass es daran liegen könnte, dass ich eine Frau bin, kam mir erst sehr spät in den Sinn. Ich unterstelle nicht immer Absicht, schließlich leben wir alle in diesen oft unterschwelligen, aber mächtigen Strukturen, aber in einigen Fällen unterstelle ich die fehlende Bereitschaft, das eigene Weltbild mal zu hinterfragen. Ich unterstelle Bequemlichkeit – denn ein vollwertig gedachter Mensch weniger bedeutet auch weniger Stress. Für die Betroffenen bedeutet es allerdings: mehr davon. Eine Mehrbelastung. Vor allem greift es den Selbstwert an und führt oft zu ganz absurden Gedankengängen, ihr wisst schon, diese Kleinigkeiten, die das Aussehen und das Wirken betreffen. Vor allem in Freundeskreisen hat das nochmal einen stärkeren Effekt, denn es wirft die Frage auf, ob man denn überhaupt gut genug für die Leute ist, die dich mögen sollten und eigentlich gerne Zeit mit dir verbringen.

Ob es dafür eine Lösung gibt? Strukturen in Frage stellen. Immer und immer wieder.

Und auch: Immer und immer wieder mit Menschen über diese Erfahrungen sprechen. Allen voran Menschen, die zuhören. Und genau deshalb schreibe ich das hier alles auf. Denn meine Erfahrung ist eine Erfahrung unter Vielen – und je mehr Erfahrungen sichtbar werden, desto höher wird die Chance, dass Strukturen hinterfragt werden.

Ich für meinen Teil suche Freundschaften immer noch nicht nach Geschlecht aus. Ich halte mich an die, die mich als eigen- und vollständige Person anerkennen, mich ernst nehmen und mich richtig einbeziehen. Ohne mich ständig zu hinterfragen. Ohne jegliche meiner Launen, als Beweis eines schlechten Charakters zu sehen. Wie gesagt, die bei denen ich Mensch bin.

Das „Irgendwie“-Semester.

Ich habe ja ein wenig gehofft. Nein, eigentlich habe ich viel zu viel gehofft: Es lag wahrscheinlich an dem offenen Brief, den drei Professorinnen ins Leben gerufen hatten und bis jetzt knapp 14.500 UnterzeichnerInnen gefunden hatte. In diesem Brief ging es darum, das Sommersemester 2020 zu einem Nullsemester zu machen, ein durch und durch sinnvoller Vorschlag. Der ignoriert wurde.

Am 01. April bekamen wir die Mail: Das Semester startet sicher zum 20. April. Ausschließlich virtuell. Erstmal.

Eine Nachricht, die ich zugegebenerweise erwartet, aber mir nicht erhofft hatte. Dies lag vor allem an diesem offenen Brief, den die Professorinnen Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky, Dr. Andrea Geier und Dr. Ruth Mayer initiiert haben. Darin fordern sie ein sogenanntes „Nicht-Semester“. Die Lehre soll zwar formal stattfinden, das Semester aber nicht zählen. Befristete Verträge sollen verlängert werden. Als Gründe führen sie unter anderem generelle prekäre Beschäftigungsverhältnisse in Forschung und Lehre, sowie die neue ungewisse Situation vieler (vor allem ausländischer!) Studierender auf. Angesichts der Krise, der wir jetzt begegnen müssen eine vernünftige Idee, jedoch eine Option, die wieder einmal fallen gelassen wurde. Wieder einmal die fairste Option, die fallen gelassen wurde.

Wie bei den diesjährigen Abiturprüfungen, die mit aller Gewalt doch für alle stattfinden werden, soll auch das Sommersemester 2020 mit allem Drumherum durchgezogen werden. Ausnahmen gelten für Veranstaltungen, die nur in der Praxis stattfinden können.

Ich frage mich, was das soll. Seien wir mal ehrlich: was die Digitalisierung angeht, sind unsere deutschen Universitäten im Schnitt nicht sonderlich gut ausgestattet. Die digitalen Meetings, an denen ich bis jetzt teilhaben durfte, waren eine qualitative Katastrophe – und ich habe nicht einmal eine schlechte Internetverbindung. Wie sollen da bitte Seminare, die auf einer Interaktion zwischen Lehrenden und Studierenden beruhen, stattfinden?

„[…]die Hochschulen müssen auf den überstürzten Takt der öffentlichen Entwicklungen und Maßnahmen mit Entschleunigung reagieren (können). Daher rufen wir dazu auf, das Sommersemester 2020 nicht als ‘business as usual’ laufen zu lassen.

Wenn wir als Lehrende konstruktiv und im Sinne der Studierenden agieren wollen, kann es nicht darum gehen, so schnell wie möglich den Status quo des herkömmlichen Lehr- und Prüfungssystems online wiederherzustellen.“

…heißt es im Brief. Besser könnte ich es nicht ausdrücken.

Leider wird das Semester aber doch nur „irgendwie“ stattfinden.

In den letzten Wochen habe ich es immer wieder mal gelesen; auf Social Media, in Zeitungsartikeln; in den Nachrichten habe ich es sogar sagen hören: Vielleicht ist eine Entschleunigung ganz gut. Für die Hochschulen gilt das allerdings offenbar nicht. Hauptsache wir haben ein „ganz normal studiertes“ Sommersemester 2020 vorzuweisen. Diese Entscheidung ist eine absolute Katastrophe – denn sie zeigt uns wieder: Es gilt das Recht des Stärkeren.

Ich denke da nicht nur an Studierende, die jetzt in eine fast unlösbare finanzielle Notsituation geraten sind, sondern auch an die, die direkt von Corona betroffen sind, vielleicht eine*n Angehörige*n durch das Virus vielleicht sogar verloren haben, an psychisch Erkrankte Studierende, die durch die Krise mit ganz neuen seelischen Belastungen zu kämpfen haben und die erst einmal das in den Griff bekommen müssen.

Ich selbst merke, wie mir das jetzt schon alles zu Kopf steigt. Für eines meiner Studienfächer habe ich die Seminaranmeldungen verpasst, weil die Daten genau auf einem Portal hochgeladen und publiziert wurden. Und dieses Portal nutzt kaum einer regelmäßig. Dank Windhundverfahren (worüber ich ein seitenlanges Wut-Essay schreiben könnte) mache ich jetzt entweder ein theaterwissenschaftliches Seminar, obwohl ich eher medienwissenschaftlich orientiert bin, oder ich warte ein Jahr.

An unserer Uni gibt es schon jede Menge Portale, jetzt kommt mit Zoom noch eines dazu und die Seite auf der die Lernmaterialien hochgeladen werden, läuft jetzt schon nicht flüssig. Für mich als ADHSlerin eine absolute Katastrophe; ein wahres Futter für meine Unsortiertheit. Hinzu kommt, dass ich wieder mit psychischen Belastungen zu kämpfen habe, die ich für überwunden gehalten habe. Meine Depression schneite in letzter Zeit wieder öfter vorbei und sagte: Es wird nie wieder gut.

Natürlich könnten die direkt Betroffenen ein Urlaubssemester einlegen, aber auch dafür braucht man Gründe. Und wie will man beweisen, dass man durch die Krise an einer Depression erkrankt ist, wenn schon ohne Krise die Wartezeit auf ein Erstgespräch viel zu lange dauert? Gerade jetzt, wenn es vermehrt Depressionen und Suizide gibt?

Und was ist mit denen, deren Wohnverhältnisse ein vernünftiges Lernen nicht zulassen? Haben die jetzt Pecht gehabt?

Die Entscheidung wirkt jedenfalls so: Wer damit nicht klar kommt, hat eben Pech gehabt. Zwar wird natürlich beteuert, dass keine Nachteile entstehen sollen, aber ich habe wenig Hoffnung, dass das in der Praxis funktioniert. Es wird Leute geben, die durch alle Hilfsraster fallen – und wenn es auch nur eine einzige Person wäre, es wäre eine Person zu viel.

Es wurde wieder im Sinne der Leistung entschieden. Und Leistung ist gerade eben nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist gerade, einen vernünftigen Umgang mit dieser Krise zu finden.

Professor Dr Herbert Woratschek von der Uni Bayreuth sieht das ganz anders als ich. Allerdings scheinen seine einzigen Argumente die zu sein, dass es andere eben noch schlimmer hätten und wir nicht jammern sollten. Etwas, was ich zum Thema Abiturprüfungen übrigens auch sehr oft lesen musste. „Andere schaffen es auch! Wir haben es auch geschafft! Alles nur Gejammer!“ Es beschlich mich sogar das leichte Gefühl, dass unterstellt wird, sich alles möglichst bequem zu gestalten.

Dr. Woratschek schafft hier etwas Ähnliches:

„Insbesondere die Begründungen der Verfasser des offenen Briefes treiben mir die Schamröte ins Gesicht:

„Zusätzlicher Aufwand für Lehrende und Verwaltung“: Was bedeutet dies schon angesichts der Leistungen im Gesundheitssystem? Wenn man bedenkt, welche zusätzlichen Leistungen auf unsere Pfleger, Ärzte, Polizisten, Politiker und viele andere in der Corona-Krise schultern müssen, sollten wir Forschende und Lehrende auch unseren Beitrag leisten.“

In diesem Zitat bezieht er sich nicht auf Studierende, allerdings frage ich mich, was er sich dabei gedacht hat – schließlich ging es in dem offenen Brief genau darum: sich im Sommersemester 2020 auf die Veränderungen, die die Corona-Krise mit sich bringt,  in einer vernünftigen Art und Weise einstellen zu können und nicht eine Lehre um der Normalität Willens ohne Rücksicht auf Verluste durchzudrücken.

Es ist ein Armutszeugnis, dass dies jetzt doch passiert.

Dieser Artikel erschien zuerst in gekürzter Form auf: V – das Studimagazin.

Die Wärme der Trostlosigkeit

Es ist diese Zeit im Jahr, in der es nachts wieder kälter wird. Aber der Pulli reicht. Der Pulli reicht, um der Luft, die sich noch nicht wirklich traut zuzubeißen, einen Maulkorb umzulegen. Der Wind, stärker als eine Brise, schwächer als ein Sturm, lullt mich ein. Es ist schon nach zwölf, denn die Lichter sind aus. Und weit und breit kein Mensch. 
Jeder Fotograf würde sich alle zehn Finger nach diesem Motiv lecken denke ich, während ich meine Beine auf der Bank zu einem Schneidersitz verschränke. Auf dem Schild das mich in gleißendes Licht taucht steht ‚Pizza Express‘. In der Ferne höre ich die Landstraße und gegenüber von mir, da steht ein leer stehendes Haus. Das große Schaufenster gähnt mich an. 
Ich sippe an meinem Bier und zünde mir eine schlecht gestopfte Zigarette an. 

Ich sitze in einem dieser Orte die einem so sonderbar vorkommen. Nicht weil sie sonderbar wären, sondern weil sie ungewohnt und fremd sind. So ungewohnt, dass sie kalt und trostlos wirken – vor allem nachts. 
Aber während ich hier sitze und den Rauch ausblase, überkommt mich ein Gefühl der Geborgenheit. Die Autos in der Ferne verschwimmen zu einem wohligen Rauschen, der Wind  schmiegt sich um meinen Kopf und vertreibt Gedanken, die mich zu einer leckenden Maschine machten. Ciao, bis bald sage ich ihnen, während ich meinen Kopf an die gläserne Wand des Imbisses lehne und lächle. Ich sitze hier, mit einem Bier, einer Zigarette und warte auf meine Pommes die schlechter nicht sein könnten – und bin sowas wie – glücklich. Glücklich in einer Trostlosigkeit, die wärmender nicht sein könnte, glücklich in einer Hässlichkeit, die ich noch nie als so ästhetisch empfand. Das Rauschen der Straßen und  der Wind vermischen sich zu einem wohligen Hall. Hier gibt es keine Erwartungen.

Wollen wir los? Die zwei kamen aus dem Imbiss. Ich drücke meine Zigarette aus und nehme mein Bier. Ja.
Und so verschwinden wir in der stillen Dunkelheit, die nichts fragt, nichts will, nichts verlangt, sondern uns nur bis zum Morgen begleitet.