Warum die Online-Uni für mich als Adhslerin so schwierig ist.

Die Zeit, die schon immer gegen mich zu spielen schien, hatte sich nun noch mehr gegen mich verschworen. Sie war von einer zeitlosen Ungewissheit in ein Rasen übergegangen.

Alles verschwimmt an mir vorbei; ich komme nicht mehr hinterher. Es ist, als müsste ich wieder auf ein immer schneller fahrendes Karussell aufspringen. Ein Karussell, das vor ein paar Sekunden noch langsam und gemächlich lief.

Und dann muss ich mich auch noch für einen Waggon entscheiden. Aber jeder Waggon scheint doch so wichtig, jeder Waggon sollte als erstes bestiegen und ausgekostet werden.

Aber ich starre nur. Ich starre auf all die Farben die sich immer mehr und mehr vermischen. Manchmal erhasche ich einen kleinen Blick auf etwas, etwas mit Form; ich kann mich gerade noch daran festhalten, nur um im nächsten Moment wieder bei noch vollerer Fahrt aus diesem Karussell herausgeschleudert zu werden.

So könnte man beschreiben, wie es mir zurzeit geht. Das Karussell ist für mich nicht zu fassen. Und es besteht aus Zoom-Meetings und Online-Angeboten. Ich stecke irgendwie immer noch in einer nicht-virtuellen Welt von davor. Das, was am Wichtigsten in meinem Leben ist, findet jetzt online statt. Und es überfordert mich heillos.

Nach einer ganzen Weile neu aufflackernder Depressionen mit Versinken und Selbstzerstörung, schaffe ich es nach und nach, mich wieder hochzuziehen. Motivation und Abgründe liegen in diesen Tagen so nah beieinander, dass ich sogar selbst nicht sagen kann, wie es mir eigentlich geht. Das Einzige was ich sagen kann ist: Ich hetze allem hinterher, komme nicht wirklich zur Ruhe und spüre mein ADHS so bewusst wie noch nie.

Hier machen wir mal ein kleinen (holprigen) Ausflug in die Neurobiologie der ADHS: Bei einer ADHS baut sich das Dopamin im Gehirn viel schneller ab, als bei neurotypischen Menschen. Und Dopamin regelt so Einiges; darunter auch die Stabilität der Stimmung, sowie die Motivation und auch die Konzentration. Auch das Noradrenalin, welches ebenfalls die Motivation fördern soll und dessen Mangel Gedächtnisstörungen hervorrufen soll, ist nicht ausreichend an richtiger Stelle vorhanden.

Kurz kann man dazu sagen, dass ein Zusammenspiel dieser Botenstoffe im Gehirn beeinträchtigt ist.

Und genau so fühlt sich mein Kopf generell an. Wenn ich bewusst darüber nachdenke, fühlt sich mein Gehirn manchmal so an, als wäre es einfach eine Menge an Legosteinen, die immer wieder neu zusammengesetzt werden, nur fällt es mir manchmal schwer, diese Legosteine richtig zu ordnen. Und gerade liegen diese Legosteine einfach nur verteilt herum und versuchen ein sinnvolles Konstrukt zu errichten, was nicht wirklich gelingt.

Es fällt mir schwer Prioritäten zu setzen, sowieso schon. Jetzt gerade kann ich es wirklich gar nicht mehr. Ich schreibe ständig neue Zettel und Listen; ständig kommt etwas Neues drauf, etwas Unerledigtes runter. Manches wird vergessen.

„Ach ja, da war doch was!“, war ein Satz, den ich zu oft gedacht habe, die letzten Wochen. Ein Seminar habe ich bereits abgebrochen.

Mir fehlt eine Abgrenzung. Da ist vielleicht mein Nebenjob, aber das war es auch schon. Ich hatte nie eine Tagesstruktur, aber eine Art Wochenstruktur. Und die lebte unter anderem davon, dass ich für Vieles meine Wohnung verlassen musste. Und auch ohne großartig viel Planung und Aufschreiben (meinen Kalender habe ich leider sehr schnell wieder schleifen lassen), hat alles einigermaßen funktioniert. Auch, weil ins Seminar laufen eine Art ‚Event‘ war. Jetzt muss ich einfach nur noch auf einen Link klicken.

Während ich damit beschäftigt bin, ständig darüber nachzudenken, was ich wann tun sollte und was jetzt wichtig wäre, rauscht alles irgendwie an mir vorbei und geht ohne mich weiter. Meine Botenstoffe sorgen zu gerne dafür, dass sie eine Verpflichtung zu einem freiwilligen Event machen. Mein Gehirn scheint auch irgendwie generell sehr schwer zu begreifen, dass Zoom-Meetings tatsächlich eine ernste Sache sind und Präsenzveranstaltungen ersetzen.

Aber das ist alles nicht so schlimm, wenn man die Gefühle, die dadurch entstehen, außer Acht lässt. Vor allem, die, die durch die Vorwürfe entstehen, die man sich selbst macht.

Du kannst nicht einfach mal auf einen Link klicken? Du warst letztes Semester auch fähig dazu, einfach mal einen Text zu lesen? Warum packst du das jetzt nicht? Und warum vermeidest du alle Online-Meetings, die sich vermeiden lassen? Es war nie so schlimm, wie du es dir vorgestellt hast! Wieso guckst du nicht einfach diesen interessanten Stream? UND WARUM HAST DU IN FREIEN ZEIT NICHT EINFACH GESCHRIEBEN? SO WIE DAS ALLE, DIE GERNE SCHREIBEN MACHEN?

Ich könnte ewig so weiter machen. Ich fühle mich nach langem wieder, als hätte man mich in meine Teenager-Zeit zurückversetzt, die hauptsächlich von zwei Fragen an mich selbst geprägt war: Warum bin ich so? und Warum mach‘ ich es nicht einfach?

Zusammen mit dem Gefühl, ständig etwas zu verpassen (das auch so bei mir gerne ab und zu vorhanden ist), verbindet es sich zu einer Art Gedankenwand in meinem Kopf, die für meine mentale Gesundheit nicht wirklich förderlich ist und mich auf der Stelle treten lässt.

Und auch wenn man meinen möge, eine Adhslerin sei flexibel, weil sich die Symptome danach anhören, ist eher das Gegenteil der Fall: es ist wahnsinnig schwer, Strategien, die wirklich funktioniert haben, in kürzester Zeit umzudenken. Es benötigt viel Zeit, wieder Mechanismen zu finden, die sich gut anfühlen und auch der ADHS gerecht werden (ich habe die Befürchtung, bis dahin ist die Online-Uni wieder Geschichte).

Eigentlich kann man sagen, Online-Uni ist für AdhslerInnen, als würde man eine Alkoholikerin oder einen Alkoholiker in einen Schnapsladen setzen und ihm sagen, er solle kontrolliert trinken – es kann nicht wirklich gut gehen.

Ich versuche mein Bestes. Es ist schwierig mir das selbst zu glauben, es ist schwierig, mir selbst zu sagen, dass es schon okay ist, denn ich muss auch noch gegen eine Horde zickiger Botenstoffe ankämpfen, die bei den meisten Menschen das tun, was sie eigentlich tun sollten.

Es ist die Akzeptanz dessen, die es leichter macht und diese Akzeptanz ist schwer zu erlernen. Und wie schwer es ist, merkt man erst in Ausnahmesituationen, die einen wieder ins Straucheln bringen. Das ist gewiss.

Das „Irgendwie“-Semester.

Ich habe ja ein wenig gehofft. Nein, eigentlich habe ich viel zu viel gehofft: Es lag wahrscheinlich an dem offenen Brief, den drei Professorinnen ins Leben gerufen hatten und bis jetzt knapp 14.500 UnterzeichnerInnen gefunden hatte. In diesem Brief ging es darum, das Sommersemester 2020 zu einem Nullsemester zu machen, ein durch und durch sinnvoller Vorschlag. Der ignoriert wurde.

Am 01. April bekamen wir die Mail: Das Semester startet sicher zum 20. April. Ausschließlich virtuell. Erstmal.

Eine Nachricht, die ich zugegebenerweise erwartet, aber mir nicht erhofft hatte. Dies lag vor allem an diesem offenen Brief, den die Professorinnen Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky, Dr. Andrea Geier und Dr. Ruth Mayer initiiert haben. Darin fordern sie ein sogenanntes „Nicht-Semester“. Die Lehre soll zwar formal stattfinden, das Semester aber nicht zählen. Befristete Verträge sollen verlängert werden. Als Gründe führen sie unter anderem generelle prekäre Beschäftigungsverhältnisse in Forschung und Lehre, sowie die neue ungewisse Situation vieler (vor allem ausländischer!) Studierender auf. Angesichts der Krise, der wir jetzt begegnen müssen eine vernünftige Idee, jedoch eine Option, die wieder einmal fallen gelassen wurde. Wieder einmal die fairste Option, die fallen gelassen wurde.

Wie bei den diesjährigen Abiturprüfungen, die mit aller Gewalt doch für alle stattfinden werden, soll auch das Sommersemester 2020 mit allem Drumherum durchgezogen werden. Ausnahmen gelten für Veranstaltungen, die nur in der Praxis stattfinden können.

Ich frage mich, was das soll. Seien wir mal ehrlich: was die Digitalisierung angeht, sind unsere deutschen Universitäten im Schnitt nicht sonderlich gut ausgestattet. Die digitalen Meetings, an denen ich bis jetzt teilhaben durfte, waren eine qualitative Katastrophe – und ich habe nicht einmal eine schlechte Internetverbindung. Wie sollen da bitte Seminare, die auf einer Interaktion zwischen Lehrenden und Studierenden beruhen, stattfinden?

„[…]die Hochschulen müssen auf den überstürzten Takt der öffentlichen Entwicklungen und Maßnahmen mit Entschleunigung reagieren (können). Daher rufen wir dazu auf, das Sommersemester 2020 nicht als ‘business as usual’ laufen zu lassen.

Wenn wir als Lehrende konstruktiv und im Sinne der Studierenden agieren wollen, kann es nicht darum gehen, so schnell wie möglich den Status quo des herkömmlichen Lehr- und Prüfungssystems online wiederherzustellen.“

…heißt es im Brief. Besser könnte ich es nicht ausdrücken.

Leider wird das Semester aber doch nur „irgendwie“ stattfinden.

In den letzten Wochen habe ich es immer wieder mal gelesen; auf Social Media, in Zeitungsartikeln; in den Nachrichten habe ich es sogar sagen hören: Vielleicht ist eine Entschleunigung ganz gut. Für die Hochschulen gilt das allerdings offenbar nicht. Hauptsache wir haben ein „ganz normal studiertes“ Sommersemester 2020 vorzuweisen. Diese Entscheidung ist eine absolute Katastrophe – denn sie zeigt uns wieder: Es gilt das Recht des Stärkeren.

Ich denke da nicht nur an Studierende, die jetzt in eine fast unlösbare finanzielle Notsituation geraten sind, sondern auch an die, die direkt von Corona betroffen sind, vielleicht eine*n Angehörige*n durch das Virus vielleicht sogar verloren haben, an psychisch Erkrankte Studierende, die durch die Krise mit ganz neuen seelischen Belastungen zu kämpfen haben und die erst einmal das in den Griff bekommen müssen.

Ich selbst merke, wie mir das jetzt schon alles zu Kopf steigt. Für eines meiner Studienfächer habe ich die Seminaranmeldungen verpasst, weil die Daten genau auf einem Portal hochgeladen und publiziert wurden. Und dieses Portal nutzt kaum einer regelmäßig. Dank Windhundverfahren (worüber ich ein seitenlanges Wut-Essay schreiben könnte) mache ich jetzt entweder ein theaterwissenschaftliches Seminar, obwohl ich eher medienwissenschaftlich orientiert bin, oder ich warte ein Jahr.

An unserer Uni gibt es schon jede Menge Portale, jetzt kommt mit Zoom noch eines dazu und die Seite auf der die Lernmaterialien hochgeladen werden, läuft jetzt schon nicht flüssig. Für mich als ADHSlerin eine absolute Katastrophe; ein wahres Futter für meine Unsortiertheit. Hinzu kommt, dass ich wieder mit psychischen Belastungen zu kämpfen habe, die ich für überwunden gehalten habe. Meine Depression schneite in letzter Zeit wieder öfter vorbei und sagte: Es wird nie wieder gut.

Natürlich könnten die direkt Betroffenen ein Urlaubssemester einlegen, aber auch dafür braucht man Gründe. Und wie will man beweisen, dass man durch die Krise an einer Depression erkrankt ist, wenn schon ohne Krise die Wartezeit auf ein Erstgespräch viel zu lange dauert? Gerade jetzt, wenn es vermehrt Depressionen und Suizide gibt?

Und was ist mit denen, deren Wohnverhältnisse ein vernünftiges Lernen nicht zulassen? Haben die jetzt Pecht gehabt?

Die Entscheidung wirkt jedenfalls so: Wer damit nicht klar kommt, hat eben Pech gehabt. Zwar wird natürlich beteuert, dass keine Nachteile entstehen sollen, aber ich habe wenig Hoffnung, dass das in der Praxis funktioniert. Es wird Leute geben, die durch alle Hilfsraster fallen – und wenn es auch nur eine einzige Person wäre, es wäre eine Person zu viel.

Es wurde wieder im Sinne der Leistung entschieden. Und Leistung ist gerade eben nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist gerade, einen vernünftigen Umgang mit dieser Krise zu finden.

Professor Dr Herbert Woratschek von der Uni Bayreuth sieht das ganz anders als ich. Allerdings scheinen seine einzigen Argumente die zu sein, dass es andere eben noch schlimmer hätten und wir nicht jammern sollten. Etwas, was ich zum Thema Abiturprüfungen übrigens auch sehr oft lesen musste. „Andere schaffen es auch! Wir haben es auch geschafft! Alles nur Gejammer!“ Es beschlich mich sogar das leichte Gefühl, dass unterstellt wird, sich alles möglichst bequem zu gestalten.

Dr. Woratschek schafft hier etwas Ähnliches:

„Insbesondere die Begründungen der Verfasser des offenen Briefes treiben mir die Schamröte ins Gesicht:

„Zusätzlicher Aufwand für Lehrende und Verwaltung“: Was bedeutet dies schon angesichts der Leistungen im Gesundheitssystem? Wenn man bedenkt, welche zusätzlichen Leistungen auf unsere Pfleger, Ärzte, Polizisten, Politiker und viele andere in der Corona-Krise schultern müssen, sollten wir Forschende und Lehrende auch unseren Beitrag leisten.“

In diesem Zitat bezieht er sich nicht auf Studierende, allerdings frage ich mich, was er sich dabei gedacht hat – schließlich ging es in dem offenen Brief genau darum: sich im Sommersemester 2020 auf die Veränderungen, die die Corona-Krise mit sich bringt,  in einer vernünftigen Art und Weise einstellen zu können und nicht eine Lehre um der Normalität Willens ohne Rücksicht auf Verluste durchzudrücken.

Es ist ein Armutszeugnis, dass dies jetzt doch passiert.

Dieser Artikel erschien zuerst in gekürzter Form auf: V – das Studimagazin.

Mein Leben ohne Diagnose, mein Leben als Problemkind.

In diesem Sommer werde ich 26 und in diesem Sommer wird meine ADHS-Diagnose 2 Jahre alt. Ja, das ist wirklich gar nicht so lange her. Vor allem nicht, wenn man bedenkt, dass ich schon in meiner Kindheit Symptome hatte: Ich war verträumt, bin im Unterricht einfach aufgestanden, manchmal ohne wirklich darüber nachzudenken, war immer eine der Langsamsten und war grundsätzlich ein Problemkind.

Dafür war ich allerdings auch immer mit einer Sensibilität ausgestattet, die mit dieser negativen Resonanz darauf nicht umgehen konnte. Ich habe ziemlich lange nach einem Platz gesucht, nach einem festen Platz in einem Freundeskreis, einem Platz, an dem ich selbstverständlich wäre. Stattdessen habe ich mich immer gefragt, was denn mit mir nicht stimme und ob ich einen komischen Knoten in meinem Kopf habe. Apropos Kopf: Der war dazu noch mit einer Fantasie-Welt ausgestattet, in der ich – Überraschung – ein ganz normales Mädchen war. Ohne „die Komische“ zu sein.

„Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“, lautet ein Sprichwort. Bei einer ADHS heißt es aber: Was ich nicht weiß, macht mich krank.

Die möglichen Folgen einer unbehandelten ADHS habe ich am eigenen Leib zu spüren bekommen: mit 16 wurde mir meine erste depressive Episode diagnostiziert, wegen einer zweiten war ich sieben Jahre später in einer Tagesklinik. Noch heute habe ich Probleme mich selbst als selbstverständlich zu nehmen, mich selbst als berechtigten Part, in egal welchem Umfeld, zu sehen. Man merkt es mir meistens nicht an: Aber in mir schlummert eine riesengroße Scham über mich selbst.

Was man mir allerdings anmerkt ist meine Wut. Mich bringen Kleinigkeiten in Bruchteilen von Sekunden auf die höchste Palme der Welt, aber richtig rauslassen kann ich sie auch nicht.

In einer Gesellschaft, in der Gefühlsausbrüche höchstens in Extremsituationen akzeptiert werden, ist das sehr von Nachteil. Und nicht nur das – irgendwann beschleicht dich langsam, aber sicher das Gefühl: Mit mir stimmt irgendwas nicht!

Mit AdhslerInnen stimmt natürlich alles und wenn man darum weiß, verlieren die Wutanfälle, die „komischen“ Verhaltensweisen ihren Schrecken, denn als AdhslerIn geht man symptombedingt mit vielen Dingen etwas anders um. Manche mögen das als eine Art Entschuldigung sehen. Eine Entschuldigung für Vergesslichkeit, eine Entschuldigung für die Verplantheit, eine Entschuldigung, um sich nicht anstrengen zu müssen. Aber eigentlich, eigentlich strengen sich AdhslerInnen sehr an.

Ich weiß nicht, wie oft mir vorgeworfen wurde, wie stinkend faul [sic!] ich denn sei, oder dass ich mich einfach nicht anstrengen will. Ich wurde von LehrerInnen bloßgestellt und meine Eltern dachten, ich bin ein Wildfang, der sich einfach nicht anpassen will. Ein bisschen stimmte das auch. Allerdings wollte auch ich einfach stressfrei meinen Weg gehen und mir ein Leben gestalten, mit dem ich auch glücklich war. Aber irgendwie hat es nicht ganz so funktioniert. Nicht nur, dass meine (sowieso unrealistischen) Vorstellungen nicht erfüllt wurden, nein, ich hatte nie das Gefühl, dass irgendetwas konstant funktioniert hat. Der Platz im Leben, den ich so dringend gebraucht hätte, war nonexistent. Nicht mal die Dinge, die mir eigentlich Spaß gemacht haben, habe ich wirklich durchgezogen. Das passiert mir heute noch. Ihr wisst gar nicht, wie viele Bücher und Filme, die mich extrem interessieren, ich noch nicht gelesen oder gesehen habe. Sie wurden unter Prokrastination der Prokrastination und flüchtig gesehenen YouTube-Videos begraben.

Paradoxerweise linderten sich manche Symptome, als ich dann meinen Alltag ganz alleine meistern musste, als ich selbst entscheiden konnte, wann und wie ich was mache. Ich wollte mein immer mal wieder vorhandenes Chaos zwar immer noch nicht akzeptieren, aber viele Dinge gingen einfach besser, ohne mahnende Stimme meiner Eltern; oder ohne LehrerInnen, die sehr im Sinne einer katholischen Mädchenschule an mir rumerziehen wollten. Einiges blieb aber.

Betrinke dich als eh schon zu offener Mensch an der Orientierungswoche in der Uni unter fremden Leuten. Ich empfehle es nicht.

Man sagt über AdhslerInnen, sie könnten sehr resilient sein. Es macht schon Sinn, wenn man so oft scheitert, dass man sich daran gewöhnt und einfach lernt, es zu vergessen – oder zu verdrängen. Doch meine Begeisterungsfähigkeit und mein Durst nach Neuem, nach einem ganz normalen Leben, haben mir eine Krücke gegeben, die ich nach und nach immer mehr realisiere. Eine sehr sehr wertvolle Krücke.

Als ich mein Abi gemacht habe – Schnitt 3,5 – habe ich erstmal ein Jahr in Münster studiert. Weil es nicht das war, was ich eigentlich machen wollte, habe ich mich auf die Suche nach Universitäten gemacht, die Medienwissenschaften ohne NC anboten. Ich bin in eine neue Stadt gezogen und dachte mir: Jetzt geht es los!

Dann ging es los und ich hatte dieselben Probleme wieder. Außerdem schlugen hinzu noch die Wunden, die eine dreijährige toxische Beziehung, die ich kurz vor dem Umzug beendet hatte, mit sich gebracht hatten, auf brutalste Art auf mich ein. Ich begab mich wegen Depressionen in Behandlung. Davor recherchierte ich ein wenig – die Zeitspanne bis zu meinem Termin dauerte mir zu lange, ich wollte mehr über das herausfinden, was in mir vorging. Genau weiß ich nicht mehr, wie ich dazu gekommen bin, aber jede Liste mit AD(H)S-Symptomen passte wie die Faust aufs Auge. Klar sollte man seine Symptome nicht unbedingt googlen, aber wenn man schon ein ganzes Leben mit sich lebt, kennt man auch seine Probleme. Und meine Probleme stimmten mit AD(H)S-Problemen überein. Ich bat meine damalige Psychiaterin mir einen Termin zu machen, um das sicher abklären zu lassen – eineinhalb Jahre später hatte ich meine zwei Termine. (Den ersten verschlief ich, weil ich bei meinem Wecker nicht auf speichern geklickt hatte.) Ich habe viele Fragen beantwortet, Grundschulzeugnisse eingesammelt, mein Umfeld mit Fragebögen über mich genötigt. Es war schon anstrengend. Ich erinnere mich noch, dass die betreuende Psychologin damals meinte, dass meine Grundschulzeugnisse schon sehr aussagekräftig seien. Eine Sache, die ich sehr hart fand. Wieso hat man es dann nicht einfach da schon bemerkt?

Am Ende stand die Diagnose fest. Und ich bin immer noch sehr glücklich darüber. Sehr. In den letzten zwei Jahren habe ich viel mehr über mich gelernt, als die gesamten Jahre davor. In letzter Zeit beginne ich, mich selbst mehr und mehr zu akzeptieren, meine Eigenheiten hinzunehmen und Strategien zu entwickeln, wie ich Dinge am Besten angehe. Ich fange nicht mehr an, alles hinzuschmeißen, wenn etwas nicht perfekt funktioniert, ich tue mir selbst besser.

Durch mein ADHS habe ich Vieles gelernt. Aber dieses Lernen kam auch erst mit der Diagnose. Deshalb ist die auch so wichtig. Es geht nicht darum, Menschen irgendeine Krankheit „einzureden“, was für ein Schwachsinn!, es geht darum, dass man sich selbst besser verstehen kann und es geht auch darum, die richtige Behandlung für sich zu finden.

In Doris Ryffel-Rawaks „ADHS bei Frauen“ las ich viele Geschichten Betroffener. Manche waren bis in ein hohes Alter davon überzeugt, dass sie halt einfach nicht so fähig waren. Das kann ein Leben zu einem unerträglichen Spießrutenlauf machen.

Ich frage mich, warum immer alle sagen, ADHS wird überdiagnostiziert. Ich habe nicht wirklich eine Ahnung, wie viele Diagnosen sich als falsch herausgestellt haben, aber Tatsache ist, dass gerade Frauen gar keine oder viel zu späte Diagnosen erhalten – dieses Thema wird noch einen eigenen Blogpost bekommen – und eine späte Diagnose, gerade bei vorhandenem Leidensdruck, ist ein Problem. Auch bei physischen Krankheiten ist das so.

Es geht nicht, dass Leute krank oder kränker werden, weil sie nicht abgeklärt werden – meist aus dem Grund, weil psychische Probleme und Erkrankungen immer noch unter ein Stigma fallen. Es geht nicht, dass nicht sichtbare Störungen oder Probleme als Erfindung abgetan werden. Ich habe ADHS und ich weiß wie es sich anfühlt. Vieles wäre anders gelaufen ohne.

Ich hatte keine Diagnose und hing ewig in der Luft; mit mir und meinem Selbstverständnis. Vielleicht wäre es auch mit Diagnose nicht perfekt gelaufen. Aber zumindest hätte dieses Gefühl, dass irgendwas nicht passt, einen Namen gehabt – und dann wäre es irgendwann verschwunden. Einige Jahre früher als jetzt.

Meine Geschichte ist unter anderem der Grund, warum ich diesen Blog ins Leben gerufen habe. Ich bin nicht nur ADHS und ich werde hier nicht immer über ADHS schreiben. Aber es wird ein Thema. Und es muss ein Thema sein, denn sonst werden die Geschichten wie die meinige, nicht weniger. Wir dürfen nicht mehr so „butthurt“ sein mit solchen Sachen. Es ist nichts Überdramatisches, manche Menschen haben es und es gehört zu ihnen. Es ist einfach nur ADHS.

Keine Freunde für Depressive?

Wir können nicht ständig willkürlich Leute in unser Boot holen und sie wieder über Bord gehen lassen, weil sie keine Kraft mehr zum Rudern haben oder weil uns der luxuriöse Dampfer nur ohne sie aufnimmt. 

Das habe ich hier vor bereits mehr als einem Jahr geschrieben, aber eher allgemein und nicht im Zusammenhang mit der Depression. Freundschaften und Depressionen sind zwei Dinge, die miteinander nicht ganz so gut funktionieren. Ich hatte, beziehungsweise habe immer noch diese kindlichen unrealistischen Vorstellungen von Freundschaften (die ich ehrlich gesagt auch nicht ablegen mag) und war mir sicher: Freundschaften, die wegen Depressionen zerbrechen, waren nie wirklich welche. Das stimmt natürlich auch in einer Art und Weise. Wenn ich sehe, dass Freundschaften zerbrechen – aus welchen Gründen auch immer – dann liegt es immer daran, dass Grenzen erreicht wurden, die vorher noch nicht im Raum standen, von denen man einfach nicht dachte, dass sie existieren. Genau deswegen kann man eigentlich schlecht sagen, ob eine Freundschaft an sich beständig ist, denn manchmal tauchen diese Grenzen einfach nicht auf und man muss nichts in Frage stellen. 

Wer an Freundschaften in Verbindung mit Depressionen denkt, denkt zuerst an Rückzug. Den Rückzug will ich aber heute erstmal hinten anstellen, denn wie es eben nicht DEN Menschen gibt, gibt es auch nicht DEN Depressiven oder DIE Depressive. Es hat nicht eben immer jede komplizierte Situation mit Rückzug zu tun. Zu Beginn meiner letzten Phase habe ich das totale Gegenteil vom Rückzug gesucht, ich war so oft es ging unter Menschen. Der soziale Rückzug ist auch ein Ding, was in der breiten Öffentlichkeit zu einem MUSS gehört, um als depressive Person ernst genommen zu werden – auch wenn Viele diese Einstellung nicht bewusst wahrnehmen: sie haben sie. Als ich den ersten Post zu Depressionen verfasste, bekam ich auch eine Nachricht, dass depressive Menschen gar nicht über ihre Krankheit reden und  er mich somit nicht ernst nehmen könne. Überrascht hat mich das leider nicht. Auch aus diesem Grund möchte ich euch einmal erläutern, warum Freundschaften oft so schwierig werden können – selbst wenn man sich nicht zurückzieht.


Ein Grund ist auf jeden Fall eine völlig unterschiedliche Lebensrealität zwischen Menschen mit und Menschen ohne Depressionen. Die Gesunden sehen vielleicht kein Problem, während es Depressiven schwer fällt mit diesem „Nicht“-Problem umzugehen. Aufpassen: Das heißt nicht, dass es das Problem nicht gibt! Es wird eben nur anders bewertet. 


Wenn ich Depression und Freundschaft eingebe, ist einer der ersten Vorschläge: „Depression Freundschaft kündigen.“ und auch wenn ich die Artikel überfliege, zieht sich einiges in mir zusammen: Neben Tipps, wie man mit Depressiven FreundInnen umgeht, lese ich vor allen Artikel von Menschen, die mit depressiven FreundInnen „fertig werden“ müssen. Ich finde es immer wieder schwierig das zu lesen, denn ich fühle mich als Betroffene ein wenig herabgesetzt. In den Augen der anderen gilt man als eben „nicht gesund“, was auch dazu führen kann, dass man einfach nicht mehr ernst genommen wird. 
Freunde und Freundinnen bekommen ja hier und dort die unterschiedliche Bewertung von Situationen mit – das kann dazu führen, dass jede einzelne Sache, die man selbst kritisiert, zu einem Beweis des eigenen Zustands wird. Nicht von einem Selbst, sondern von Außen. Es ist fast nicht mehr möglich über Dinge zu sprechen, die einen ärgern, da sie ständig in Verbindung mit deiner Krankheit bewertet werden (oder du angeblich schon viel zu oft über negative Dinge gesprochen hast). 


Außerdem kann man als Betroffener oder Betroffene schwer Dinge los lassen, die einen in irgendeiner Weise beschäftigen. 

Da können wir wahrscheinlich erstmal wirken wie eine Mutter, die kein anderes Thema als Windeln und den richtigen Maxi-Cosi kennt – allerdings gibt es auch Gesprächsthemen, die als depressiver Mensch nicht gerade erträglich sind. Aber die hält man aus. 

Ich sehe oft die Konstellation: 
Gesunder Freund oder gesunde Freundin „hält es nicht mehr aus“ und beendet die Freundschaft. Die Situation scheint klar zu sein: Depressiver Mensch war „zu“ depressiv. Dabei gehören immer zwei dazu! 
Wir machen gerne immer einen Fehler: Wir verlangen von unseren Freunden, dass sie uns irgendwie glücklich machen, dass sie uns eine angenehme Zeit verschaffen. Das ist per se erstmal nichts Schlechtes, denn sonst würden wir ja keine sozialen Beziehungen eingehen – nur können wir eben nicht verlangen, dass jemand für uns glücklich ist, nur weil wir uns schlechten Stimmungen nicht so gut entziehen können. 
Freundschaften zerbrechen nicht aufgrund einer Depression, sondern aufgrund eines falschen Umgangs damit – und das liegt nicht nur am Betroffenem selbst. Es fehlt oft eine vernünftige Grundlage miteinander umzugehen. Das schiebe ich meist aber auch auf die mangelnde Aufklärung und sich hartnäckig haltende Vorurteile. 



Wie du als gesunder Mensch auf mich wirkst, wenn es mir schlecht geht

Kennst du dieses Gefühl nach einer harten Trennung? Überall siehst du diese verliebten Pärchen, diese Menschen, die „ihr“ sein könntet.
Damit kannst du dieses Gefühl schon nachvollziehen. Das Gefühl wenn ich dich sehe, wie bei dir alles funktioniert was mir schwer fällt. Bis hierhin ist das noch okay, denn wir haben uns beide unseren Zustand nicht ausgesucht. Aber Einige von deiner Sorte verurteilen mich. Denn ich bin nicht immer das, was du von einer jungen Frau so erwartest. Ich bin gern etwas, was du nicht erwartest, aber ich bin gerne etwas, was ich von mir erwarte. Und das was ich gerade bin, erwarten wir beide nicht. Manchmal weißt du das und es ist dir trotzdem egal – denn „wie du es machen würdest“ steht im Vordergrund. Ich kann nichts mehr richtig machen, denn für dich bin ich ein Konstrukt voll unerfüllter unrealistischer Erwartungen. Du hörst mir nicht mehr richtig zu und bleibst lieber weiter in deiner geradlinigen rosaroten Puderzuckerwelt. 
Du bist anstrengend, auslaugend. Ich ertrage deine herablassende Art nicht mehr. Ich bin nicht da um dich zu schmücken und dir zu geben was du brauchst. Ich bin ich, ich bin eine Person, ein Charakter – ich bin KEINE Krankheit. 
Dein Verständnis ging nicht einmal so weit wie du von dir geglaubt hast.

Die Wärme der Trostlosigkeit

Es ist diese Zeit im Jahr, in der es nachts wieder kälter wird. Aber der Pulli reicht. Der Pulli reicht, um der Luft, die sich noch nicht wirklich traut zuzubeißen, einen Maulkorb umzulegen. Der Wind, stärker als eine Brise, schwächer als ein Sturm, lullt mich ein. Es ist schon nach zwölf, denn die Lichter sind aus. Und weit und breit kein Mensch. 
Jeder Fotograf würde sich alle zehn Finger nach diesem Motiv lecken denke ich, während ich meine Beine auf der Bank zu einem Schneidersitz verschränke. Auf dem Schild das mich in gleißendes Licht taucht steht ‚Pizza Express‘. In der Ferne höre ich die Landstraße und gegenüber von mir, da steht ein leer stehendes Haus. Das große Schaufenster gähnt mich an. 
Ich sippe an meinem Bier und zünde mir eine schlecht gestopfte Zigarette an. 

Ich sitze in einem dieser Orte die einem so sonderbar vorkommen. Nicht weil sie sonderbar wären, sondern weil sie ungewohnt und fremd sind. So ungewohnt, dass sie kalt und trostlos wirken – vor allem nachts. 
Aber während ich hier sitze und den Rauch ausblase, überkommt mich ein Gefühl der Geborgenheit. Die Autos in der Ferne verschwimmen zu einem wohligen Rauschen, der Wind  schmiegt sich um meinen Kopf und vertreibt Gedanken, die mich zu einer leckenden Maschine machten. Ciao, bis bald sage ich ihnen, während ich meinen Kopf an die gläserne Wand des Imbisses lehne und lächle. Ich sitze hier, mit einem Bier, einer Zigarette und warte auf meine Pommes die schlechter nicht sein könnten – und bin sowas wie – glücklich. Glücklich in einer Trostlosigkeit, die wärmender nicht sein könnte, glücklich in einer Hässlichkeit, die ich noch nie als so ästhetisch empfand. Das Rauschen der Straßen und  der Wind vermischen sich zu einem wohligen Hall. Hier gibt es keine Erwartungen.

Wollen wir los? Die zwei kamen aus dem Imbiss. Ich drücke meine Zigarette aus und nehme mein Bier. Ja.
Und so verschwinden wir in der stillen Dunkelheit, die nichts fragt, nichts will, nichts verlangt, sondern uns nur bis zum Morgen begleitet.

Über Selbstliebe | #wirmüssenreden

Wir leben im Zeitalter des Internets, wir sehen nicht nur die Hochglanzwerbungen, wir sehen nicht nur perfekt geschminkte Models, Schauspieler, wen auch immer. YouTube, Instagram, Blogger, Twitter…viele Seiten geben uns die Möglichkeit die unterschiedlichsten Menschen kennen zu lernen. Das ist eine Betrachtungsweise der sozialen Medien, die nicht sonderlich oft geäußert wird – allen voran wird Instagram kritisiert. Das finde ich schwierig, denn: Ich habe die Möglichkeit mein Dashboard selbst zu gestalten. Meine Startseite reicht von „perfekten“ Modelkörpern bis hin zu Selfies von Kommilitonen nach einer durchzechten Nacht. Außerdem ist mir noch etwas aufgefallen, etwas womit ich mich leider gar nicht so identifizieren kann und es irgendwie auch nicht will: Diese kompromisslose Body-Positivity-Strömung. Ich schaue (leider) nach dem Aufwachen auf mein Handy und werde mit Bildern überschüttet, die mich teilweise an die Penis- und Brüstegalerin der Bravo erinnern. Die Message dahinter: Du bist schön! Egal wie viel du wiegst, egal wie dein Körper aussieht! Liebe dich selbst! Die Intention dahinter ist Diversität – wir sind mehr als das weiße Model auf der Fernsehzeitschrift, es gibt unterschiedliche Körperformen, Hautfarben und Geschlechter. Das ist richtig und wichtig und ich bin froh, dass ich das auf meiner Timeline sehe, nur: Meine Identifikation damit scheitert jedes Mal. Ich soll alles an mir selbst lieben? Wirklich? Will ich das überhaupt?

An guten Tagen stehe ich vorm Spiegel und denke mir so Dinge wie: „Wenn du regelmäßig schwimmen gehst, dann wird das schon.“ An schlechten Tagen geht es dann an die Dinge, die ich selbst gar nicht ändern kann: „Bisschen mehr Sommersprossen hätten nicht geschadet, eine Thigh Gap wäre schon praktischer und meine Oberweite könnte ruhig ein wenig kleiner sein.“ An sehr schlechten Tagen kann es dann schon mal vorkommen, dass ich mich frage, was ich in meinem früheren Leben falsch gemacht habe, dass ich so viele Attribute an meinem Körper habe, die mir nicht gefallen. Diese Gedanken waren aber eher meinen depressiven Phasen geschuldet, als dass ich wirklich so denken würde. Im Großen und Ganzen komme ich gut mit mir klar und habe lieber ein angenehmes Leben, als dass ich mich damit stresse etwas zu erreichen was entweder sehr viel Zeit oder sehr viel Geld in Anspruch nehmen würde. Trotzdem gibt es eben Dinge an meinem Körper, die ich nicht mag. Sei es, weil sie nicht in mein persönliches ästhetisches Empfinden passen oder weil sie mir mehr Stress verursachen als mir eigentlich lieb ist. Ich bin jetzt mal ganz offen: Ich habe Körbchengröße E und nun ja, zu den bekannten gesellschaftlichen Nachteilen (hässliche und teure BHs, sehr ungünstig geschnittene Sommertops) kommen auch noch physische Probleme dazu und es ist mir irgendwie zuwider meine Oberweite zu glorifizieren. 

Ich bin im Zwiespalt. Ja, alles was an meinem Körper dran ist, gehört zu mir und es wäre keine gute Idee sich in einen Selbsthass hineinzureiten, weil man ihn lieber ganz anders hätte. Was mir allerdings bitter aufstößt: Ich muss zwar keinem bestimmten Bild entsprechen, aber ich MUSS alles an mir mögen. Und das ist ein falscher Ansatz. Ich bin sehr froh, dass immer mehr Körperformen Platz in der Öffentlichkeit und in den Medien haben, ich halte das für eine lobenswerte Entwicklung, aber es ist auch okay seine Brüste nicht bedingungslos zu lieben. Wenn ich mit einem Teil meines Körpers nicht warm werde, heißt das noch lange nicht, dass mir das schlecht tut. Wichtig ist zu akzeptieren, dass wir in unseren Körpern leben und wir bis zu unserem Tod nicht daraus heraus kommen. Es gibt sehr viele Facetten zwischen bedingungsloser Selbstliebe und grenzenlosem Selbsthass. Es ist vollkommen okay nicht jeden Teil seines Körpers zu glorifizieren. Wichtig ist, Prioritäten richtig zu setzen. Wir sind viel mehr als unser Körper, wir sind unser Charakter, unsere Biografie, unsere Prägung. Ich kann mich schön finden, auch wenn ich lieber andere Beine hätte. Ganz bestimmt.

#metoo – ein Statement

Ein Thema über das schon Tausende geschrieben oder gesprochen haben, jede Meinung hat man schon tausende Male gehört – es ist eine Debatte die nicht zu verstummen scheint. Kaum scheinen die Vorwürfe abzuebben, kommt schon wieder die nächste Flut. Und immer und immer wieder. Die Debatte verstummt nicht. Und das ist gut so.
So Mancher, nein, so viele – zu viele – mögen genervt sein, sie als unwichtig abtun. Als wäre sie eine lästige Mücke. Eine Mücke ist irgendwann so laut, dass man aufsteht und etwas dagegen tut. Ich glaube, diese Mücke ist noch nicht laut genug. 
Deshalb liegt mir dieses Thema am Herzen und ich möchte hier mein ganz eigenes Statement dazu niederschreiben. Wobei, es ist eigentlich eine Beantwortung aller abschätzigen und genervten Fragen von Menschen, die es irgendwie immer noch nicht verstanden haben.

Warum ist die Debatte so wichtig?


Um das herauszufinden braucht man sich nur mal in den Kommentarspalten des Internets umzusehen: Was dort geschrieben wird, ist teilweise so absurd – man weiß gar nicht, ob man lachen oder weinen soll. Auch wenn Internetkommentare (hoffentlich) nicht unbedingt die breite reale Masse widerspiegeln, sind sie dennoch von Menschen geschrieben worden. Und diese Menschen denken so. Von „Sich erst hoch schlafen und dann jammern“ bis zu abenteuerlichen und einzig und allein korrekten Definitionen, wer denn jetzt wirklich Opfer ist und wer nicht („blanker Hohn für richtige Opfer“ ist ein beliebter Ausdruck).
In viel zu vielen Köpfen herrscht die Ansicht, dass die ach so bösen Frauen, den ach so unschuldigen Männern das Leben zerstören wollen – für Aufmerksamkeit, Geld, aber bloß nicht, weil es wirklich so passiert ist. Wir haben mit diesem Thema ein massives Problem: Sei es Frau oder Mann, ein Mensch, der sexuelle Gewalt erlebt, muss kämpfen. Dafür, dass er ernst genommen wird, ihm geglaubt wird.


Ich muss zugeben, erst seit #MeToo wurde mir richtig bewusst, dass es nicht ganz unüblich ist, die Aussagen einer/eines Betroffenen sehr kritisch zu beäugen. Man muss dafür gar nicht an die Öffentlichkeit gehen, die „Kritiker“ finden immer eine Ausrede: Man will der Person schaden, weil man sie nicht mag, neidisch auf sie ist, man ist pleite und braucht Geld, es ist schier unmöglich, dass das so vorgekommen ist, denn es passierte während einer Beziehung, in der Familie, in der Schule oder der Beschuldigte wirkt ja gar nicht so. Es scheint als käme sexuelle Gewalt nur so vor: Der Täter wartet in einer dunklen Gasse und packt aus einer Ecke heraus überraschend sein Opfer. Wobei, auch da finden sich ähnliche Spielchen: Man solle nicht so spät diesen Weg gehen, sich anders anziehen, gar nicht so spät rausgehen…oder: Man ist männlich. Männer können gar nicht vergewaltigt werden.
Von dieser Einstellung müssen wir uns einfach entfernen. Es kann nicht sein, dass die Chance als Betroffene/r zumindest einen kleinen Funken Gerechtigkeit zu erfahren, so gering ist, dass man lieber mit seinem Geheimnis lebt und möglicherweise daran zerbricht. 
Und das muss in den Köpfen der breiten Masse ankommen und verankert werden. #MeToo ist erst der Anstoß.


Warum melden sich so viele Opfer erst nach so vielen Jahren?


Wenn wir uns mal überlegen, dass wir immer noch mit einigen rückständigen Ansichten zu kämpfen haben, wie sah das dann wohl vor zwanzig, dreißig Jahren aus? Die Schuld wird ja heute noch in einem sehr großen Ausmaß umgekehrt. Viele fühlen sich auch erst dann ermutigt zu sprechen, wenn es andere auch tun, es war bis dato kein Umfeld vorhanden, in dem man sich äußern konnte. Außerdem: Scham. Man kann sie nicht erklären, es ist ein Schamgefühl, dass man hat, wenn sich jemand in deine tiefste Privatsphäre eingemischt hat. Ungefragt. Oft fragt man sich auch, warum man es zugelassen hat, warum man sich selbst nicht geschützt hat. Und noch ein ganz simpler Grund, nicht sofort zu sprechen, der Grund, der in dieser Debatte eigentlich vorherrscht: Die Macht des Täters. Wir brauchen uns nicht vormachen, dass diese Welt gerecht ist und wir den schwachen Gliedern in der Kette genauso viel Halt und Unterstützung geben, wie den starken.

Aber gibt es denn nicht die Unschuldsvermutung?


Absolut. Die gibt es und die finde ich nach wie vor sehr wichtig. Diese Unschuldsvermutung gilt aber nicht nur für den Beschuldigten, sondern auch für den, der anklagt. Verleumdung und üble Nachrede sind auch Tatbestände, um das zu wissen, muss man nicht Jura studiert haben. Dieses Argument ist also nicht wirklich ganz schlüssig, zumindest wenn man es nur für die eine Seite gebrauchen möchte.
Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man erst einmal glauben sollte. Es ist definitiv sinnvoller als erst einmal davon auszugehen, dass gelogen wird. Es mag sein, dass das vorkommt, aber ich denke der Anteil der Falschbeschuldigungen ist viel geringer als so Mancher behaupten mag. 


Jetzt darf man ja nicht mal mehr eine Frau ansehen, ohne dass man sie sexuell belästigt!


Okay, drei Worte: Dümmster Satz überhaupt! Wenn ich das lese oder höre, werde ich innerlich immer ein wenig aggressiv. Er zeigt nicht nur, dass man unfähig ist, sich konstruktiv an einer Diskussion zu beteiligen, sondern auch, dass man gar nicht einsieht, dass dieses Thema in irgendeiner Form wichtig ist. Dazu gibt es auch noch die Kandidaten, die meinen, dass der gesamte Flirt in Gefahr ist. Ich verrate euch ein Geheimnis: Wer die Grenze zwischen gewollt und ungewollt nicht erkennt, oder erkennen will, der hat meines Erachtens ein Problem, denn das ist wirklich nicht so schwer.


Zum Schluss habe ich euch noch ein paar Links zum Thema herausgesucht, die ich recht interessant fand.


Der Fall Dieter Wedel im ZEIT MAGAZIN
Was die Vorwürfe gegen Dieter Wedel so unfassbar macht – bento
Vergewaltigung ist kein Sex – Süddeutsche Zeitung
Umfrage zu sexueller Belästigung – ZDF
Der verunsicherte Mann – ZEIT Online

Eine nicht so eloquente Ode an das Vergessen

Gerade eben hatte ich noch einen perfekten Anfang, den ich vergaß.
Den perfekten Anfang, der mich vor meiner Blockade retten sollte.
Aber bevor ich vergesse einfach weiterzuschreiben, erzähle ich euch einfach, was ich schon alles vergessen habe.
Erst heute Mittag, beim Wäsche waschen – ich vergaß das Waschmittel,
Ich vergaß das Klopapier, ließ es mitten im Laden stehen. 
Das ist nicht das erste Mal.
Beim ersten Mal vergaß ich es am Bahnhof.

Ich vergesse immer die Termine, die ich bei der Bank gemacht habe. 
Wenn mich die Bankkauffrau doch zu Gesicht bekommt, lächelt sie immer so streng, sie, die Ordentliche. 
In ihren Augen sieht man das Unverständnis, vielleicht nimmt sie mir das persönlich, das Vergessen, sie nimmt es mir übel, mir, der Chaotischen.
WIE KANN MAN DAS ÜBERHAUPT VERGESSEN?
Fragten mich meine Mutter, mein Physiklehrer, andere.
Hausaufgaben vergisst man nicht, man ist zu faul für sie, oder?
Oder dumm, weil Physik-Hausaufgaben in der Mittelstufe etwas Unabdingbares für deinen restlichen Lebensweg sind.

Ich wollte mir Dinge aufschreiben – was ich vergaß.
Dann habe ich mir Dinge aufgeschrieben – was ich wiederum vergaß.
Und dann vergesse ich, was ich so gelesen habe.
Und dass ich mich nicht mehr rechtfertigen wollte.

Vor ein paar Tagen hatte ich mich fast ausgesperrt, weil ich fast vergaß den Schlüssel mitzunehmen.
Und Sekunden zuvor sagte ich zu mir: Das darfst du nicht vergessen!
Manchmal bin ich auf halbem Wege wieder umgekehrt, weil mir einfiel, dass ich den Herd nicht ausgemacht habe,
dabei hatte ich nur vergessen, dass ich ihn ausgemacht habe.
Herdception, denn Vergessception hört sich nicht so gut an und liest sich auch scheiße.
Zumindest habe ich nicht vergessen, wann die Meisten meiner Mitschülerinnen aus der Realschule Geburtstag hatten, 
dass Kolumbus 1492 Amerika entdeckte und dass Benedict Cumberbatch jünger ist als Jim Parsons.
Ist ja auch wichtig.

Aber – vielleicht ist das Vergessen nicht immer so schlimm.
Zumindest hat man dann Geschichten zu erzählen,
manchmal unterhält man damit sein Umfeld.
Entgegen aller Prophezeiungen habe ich einen Schulabschluss und die massiven Nachteile bleiben aus.
Nur manchmal denke ich an das strenge Lächeln der Bankkauffrau. Ich habe ein schlechtes Gewissen, das ich irgendwann wieder…vergesse.