„Das Andere geschlecht“

Vor ein paar Wochen entschied ich mich, FLINTA* etwas zu fragen. Ich war neugierig, denn ich wollte etwas ganz Bestimmtes wissen. Ich wollte wissen, wie sie gemerkt haben: Ich bin „das andere Geschlecht“.

Zugegeben, mir war nicht wirklich bewusst, woher die Formulierung „das andere Geschlecht“ kam. Natürlich habe ich schon mal von Simone de Beauvoirs Essay gehört und was darin ungefähr gesagt wird – nämlich, dass die Frau zum „anderen Geschlecht“ gemacht wird und als das Unvollkommene, als das Subjekt gilt, während der Mann als das Vollkommene, Essenzielle, also das „Normale“ und somit das Objekt ist – aber tiefgründig damit auseinandergesetzt habe ich mich nicht. Als ich mir dann ziemlich schuldbewusst eine lange Podcastfolge (https://open.spotify.com/episode/4EYJirdAd7xX13ovqbqflu?si=S7nYPDKxTE2QKcfGVAF8zQ&utm_source=copy-link) dazu anhörte, bemerkte ich: Ich muss eigentlich nur mich selbst fragen und mein eigenes Frau-sein in dieser Gesellschaft reflektieren. Ich BIN das andere Geschlecht und wenn ich mir das nochmal bewusst mache, habe ich schon viel von dieser Auseinandersetzung.

Heute geht es aber nicht um mich, sondern um die Antworten, die ich bekommen habe. Mir wurden Texte und Memos geschickt und ich habe Gespräche geführt. Und ich habe beschlossen diese Geschichten ungekürzt für sich stehen zu lassen. Die einen sind kürzer, die anderen länger, aber jede für sich wichtig – wichtig, sie sich anzuhören. Einen guten feministischen Kampftag an alle da draußen!

Anne, 26

Besonders prägnant ist mir das in zwei Situationen während meines Auslandssemesters in Dublin aufgefallen, in denen ich mit hegemonialer, beziehungsweise toxischer Männlichkeit konfrontiert wurde.

An einem Abend war ich mit einer Freundin in der Studi-Bar und ein stark betrunkener Typ, der uns gegenüber saß, hat mich nach einem kurzen Gespräch relativ aus dem Nichts eine „fucking cunt“ genannt, woraufhin er und sein Kumpel gelacht haben. Das Frustierendste war für mich im Nachhinein v.a., dass ich – schön gemäß meiner weiblichen Sozialisation – freundlich geblieben bin und sogar noch kurz versucht habe, die Situation zu deeskalieren. Das Gefühl der Überforderung (zum kleinen Teil auch wegen der Sprachbarriere, aber vor allem aufgrund der patriarchalen Hierarchie) und Hilflosigkeit frustriert mich bis heute.

Der zweite Moment war, als ich mit dieselben Freundin im Park saß und eine Gruppe Jungen (circa 9 bis 10 Jahre alt) vorbeikamen und anfingen uns zu provozieren, indem sie uns fragten, ob wir Pornos schauten und ob ich einem von ihnen einen Blow-Job gebe. Auch hier hat es mich frustriert, dass ich wieder deeskalierend geantwortet habe. (Was wohl auch daran lag, dass ich Lehramt studiere und mir in der Schule solche Provokationen von Schülern [bewusstes Maskulinum] wohl noch öfter begegnen werden.) Allerdings konnte ich in dieser Situation zumindest klar sagen, dass ihr Verhalten sexistisch und unangebracht ist, was sie am Ende halbwegs verstanden haben. Es war trotzdem krass zu merken, dass patriarchale Diskriminierung und die damit einhergehende Machthierarchie auch da stattfindet, wo die Altersverhältnisse umgekehrt sind.

So unangenehm diese Situationen waren, hoffe ich trotzdem, dass ich bei der nächsten Situation, in der mir oder einer anderen FLINTA*Person Sexismus entgegen gebracht wird, klare Kante zeigen kann!

Flo, 25

Besonders bewusst, dass ich „das andere Geschlecht“ bin wird mir, wenn ich draußen unterwegs bin, häufig nachts, aber auch tagsüber. Wenn ich alleine nachts unterwegs bin, mache ich mich auf Anmachsprüche gefasst und plane, wie ich reagieren kann. Wenn ich mit Frauen unterwegs bin, mit denen ich intime Beziehungen hab – die ich also auf der Straße mal küsse oder ihre Hand halte – habe ich Angst, beleidigt und sexualisiert zu werden. Und das auch tagsüber. Seien es anzügliche Blicke, seien es angeekelt Geräusche, Angebote, mit jemandem zu dritt nach Hause zu gehen oder ganz unverhohlene Beleidigungen. Als lesbische Frau kann man in einigen Situationen nicht vergessen, dass man nicht nur homosexuell ist, sondern eben auch eine Frau – Hypersexualisierung und Homophobie treffen aufeinander.

Iris, 52

Als ich mit meiner Ausbildung zur DOB-Schneiderin fertig war, hab ich mit Entsetzen festgestellt, dass Männer die, die gleiche Arbeit verrichteten, dafür deutlich besser entlohnt wurden. Heutzutage soll es das ja auch noch geben.

Das ist in meinen Augen Sexismus!

Isabelle, 25

Die Frage ist eigentlich gar nicht so leicht, ich musste eine ganze Weile darüber nachdenken und das an sich ist schon irgendwie ein Armutszeugnis für die Gesamtsituation, weil diese Muster einen wohl schon so lange begleiten, dass man sich daran gewöhnt hat.

Ich denke so richtig BEWUSST geworden ist mir alles erst ab meinem 20. Lebensjahr. Davor habe ich einfach nicht darüber nachgedacht und man hat eben alles so hingenommen. Ich denke als „Frau“ begegnet man super vielen Dingen, die sich im Nachhinein schlimm anfühlen, nicht ernst genommen werden zum Beispiel.

Was mich persönlich betrifft gibt es allerdings ein großes Thema: und zwar, dass man als „Frau“ nur auf sein Äußeres reduziert wird. Klar kann man das auch zu einem gewissen Grad auch über Männer sagen, aber ich finde die Frauen trifft es einfach viel härter. Ich muss aktiv an meiner Selbstwahrnehmung arbeiten, damit ich mich nicht selbst immer nur auf optische Attribute reduziere und das fällt mir manchmal wirklich schwer.

Ich hatte Zeiten, da war ich konventionell attraktiver, mal weniger. Das Schlimme daran ist einfach wie unterschiedlich man behandelt wird. Als ich eben nicht als sonderlich attraktiv galt, da war ich im besten Fall unsichtbar und im schlimmsten Fall hat man mich beleidigt – und das in allen möglichen alltäglichen Situationen. Einmal war ich feiern, da wurde ich als unwissentlicher Teilnehmer an einem Wettbewerb eingebunden: Wer kann das hässlichste Mädchen abschleppen. Das ist jetzt fast 10 Jahre her, aber es nagt immer noch an mir.

Es fällt mir unglaublich schwer, mich nicht auf Optisches zu reduzieren und mich für den Mensch wertzuschätzen, der in dieser Hülle lebt. Aber bei einem Blick auf meine Familie wundert mich das eben auch nicht; meine Mutter, meine Schwestern, mein Vater und meine Großeltern loben am liebsten gutes Aussehen und extra Punkte gibt es, wenn man vielleicht ein paar Kilo abgenommen hat.

Ich würde mich gerne selbst für das Loben, was mich ausmacht und das ist nicht mein Aussehen – aber das kann ich nicht. Natürlich könnte ich an die Stelle auf meine Borderline Persönlichkeitsstörung verweisen, die mir sowieso einen Strich durch die Rechnung macht, wenn ich herausfinden möchte wer ich bin. Doch ich denke die BPD ist nicht dafür verantwortlich, was ich im Alltag und in der Familie erlebt habe, sie ist schließlich eher das Ergebnis davon.

Luca (Name geändert), 22

Neulich kam von einem männlichen Mitmenschen eine Anfrage in eine Gruppe, der für einen Bekannten eine:n Pianist:in für ein paar Gigs gesucht hat. Ich hab mich daraufhin gemeldet mit der Aussage, seit 14 Jahren Klavier zu spielen und mega Bock drauf zu haben. Als Antwort wurde ich gefragt, wie fit mein Freund eigentlich auf dem Klavier sei.

Johanna, 24

Ich hab gemerkt, dass ich irgendwie anders behandelt werde als meine Freunde, vor allem Kindergarten, als meine Kindergärtnerin gesagt hat, sie braucht vier starke Jungs und ich hab mich halt gefragt, warum ich denn jetzt nicht stark bin, obwohl ich mich eigentlich auch immer stark gefühlt hab. Und dann ist mir so aufgefallen: hey, dann bin ich wohl nicht so stark und hab gesehen dass alle starken Vorbilder, die ich hatte waren einfach nicht so wie ich, weil die einfach alle als männlich gelesen wurden.

Eine Sache die mir speziell aufgefallen ist, dass der „normale Mensch“ immer als männlich dargestellt wird, war mit 16. Da sind wir mit der Schule zu einer Rucksackfabrik gegangen und da wurde dann gesagt: Wir haben jetzt auch Frauenmodelle, weil die Frauen bekommen von den normalen Modellen immer Rückenschmerzen. Und da hab ich halt gemerkt, dass Frauen immer dieses „extra“ brauchen, weil es gibt das Modell, das extra nur für Frauen ist, während das andere für den „normalen“ Menschen gemacht ist und der normale Mensch ist immer männlich. Dabei gibt es ja sowas wie „den normalen Menschen“ gar nicht, Frauen sind ja genauso normal.

Alex, 41

Ich habe mich als mein Kind ein Jahr alt war auf die Stelle einer Logistikleitung in einer Firma beworben und hatte die besten Voraussetzungen von meiner Qualifikation her und im Nachhinein habe ich dann erfahren – das hätte ich nicht wissen dürfen – dass ein Mann diese Stelle bekommen hat, weil der natürlich belastbarer ist, weil der kein 1-jähriges Kind Zuhause hat und dadurch immer in der Firma präsent sein kann und Überstunden machen kann und das haben sie mir als Mutter natürlich nicht zugetraut. Und das obwohl ich nicht alleinerziehend war und mit einem Partner zuhause lebe.

Und das hat mich schon schockiert, also das war unterste Schublade.

Genauso ging es mir in der Firma davor: Ich war Leitung vom Wareneingangs- und Versandbüro und es sollte eine Nachfolge für die Logistikleitung bestimmt werden, für die hatte ich mich auch gemeldet und die hat natürlich auch ein Mann bekommen, weil ich eine Frau Mitte 20 im gebärfähigem Alter war und da fällt man dann natürlich aus, falls man irgendwann ein Kind kriegen sollte.

Lou (Name geändert), 22

Es war bei mir halt immer so ein unterschwelliges Thema Frau zu sein, aber weil ich halt mit einem anderen Geschlecht bezeichnet wurde wars mir auch lange nicht klar. Mir ging es schlechter dadurch und vor einem Jahr konnte ich das dann klar bestimmen und habe für mich entschieden als Frau zu leben.

Viel dieser Zweigeschlechtlichkeit wird halt gesellschaftlich so festgelegt, wird halt gesagt: Es gibt nur das! Ich weiß, dass ich Dysphorie hab und mich in meinem Körper nicht wohl fühle und jetzt Hormone nehme und so Sachen und mir das hilft, aber dieses, dass man sich in Mann und Frau einteilen soll, find ich irgendwie nicht sinnig, weil ich halt auf einer anderen Ebene mit Leuten rede und es auch nicht um irgendwelche äußeren Erscheinungen geht und wie die halt Leute definieren. Und ich werde dann auch von den Kindern in meinen Kursen gefragt: Bist du jetzt Mann oder Frau? Ich finde das eigentlich ganz witzig und auch ganz cool ein eher nicht-binäreres Erscheinungsbild zu haben, weil man einfach diese Geschlechterrollen ein bisschen kaputt macht dadurch und ein bisschen macht, dass die nicht mehr so gelten, weil ich finde die schon sehr komisch. Ich finde das schon nicht so wichtig.

Dazwischen wird aber getrennt und deshalb spielt es eine Rolle einen feministischen Kampf zu haben. Oder einfach ein Kampf gegen das Patriarchat, weil es auch männlich gelesene Personen gibt, die diskriminiert werden, weil sie nicht männlich genug sind. Oder non-binäre Menschen. Heißt: für die zu kämpfen, die dadurch diskriminiert werden, die dadurch schlechte Erlebnisse haben. Und das sind halt schon auch sehr stark Frauen und FLINTA*.