Die Entdeckung der Hyperaktivität

Meine Oma sagte mal, dass es sehr schlimm für Kinder sei, wenn Eltern oft umziehen. Ich fand das eigentlich gar nicht. Ich wünschte mir, dass wir umziehen. Sehr. Eingesperrt war ich. Ich war eingesperrt auf einem ganzen Dorf.
 
Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, aber als meine Oma das zu mir sagte, war sie aufgebracht. Sie war vorwurfsvoll. Denn kurz zuvor sagte ich: „Ich würde gerne so oft umziehen wie ihr es gemacht habt.“
Sie fand mich undankbar, erzählte mir, wie ihre Kinder darunter gelitten haben. „Jedes Mal hat deine Tante geweint, weil sie von ihren Freunden weg musste. Das ist ganz schrecklich!“, so in etwa musste sie es gesagt haben. Mein Gefühl dazu ist heute ein großes Fragezeichen. Nun, ich kann sie heute besser verstehen. Nicht, weil ich finde, dass sie eigentlich Recht gehabt hatte, eher weil ich herausgefunden habe was dahinter steckte.


Sie glaubte wahrscheinlich, dass das Konstante die Rettung gewesen wäre. Die Sicherheit. Immer und immer wieder die gleichen Straßen, derselbe Supermarkt, immer dieser eine Spaziergang. Ein Paradies für die die angekommen waren und die Hölle für mich.

Seitdem ich kein Kind mehr war, war ich gerne unterwegs, ich war gerne auf dem Weg. Es beruhigte mich. So eine Zug- oder Busfahrt öffnete eine Tür in mir, wenn nicht sogar ein schweres eisernes Tor – eine Menge ließ es frei. Vor allem eine Menge Worte. Und wenn ich ankam war da etwas vollkommen Neues. Ich war süchtig nach diesem unbeschriebenen Blatt Papier, dem unberührtem Weiß. Ich sehnte mich danach, nicht gekannt zu werden, anonym zu sein, untergehen zu können.
Die Konstante machte mir Angst. Ich erschauderte, sobald ich an die Zukunft dachte, diese starre und stetige Zukunft, die mich eher an die Gegenwart, die Vergangenheit erinnerte, als dass sie Hoffnungen schürte.  Gleichzeitig wartete ich sehnsüchtig auf sie. Vielleicht war ich zu pessimistisch? Das ist mir schon mal passiert, aber ich erinnere mich nicht daran und es waren nur kleine Dinge. Mein Lieblingseis war nicht ausverkauft – obwohl es im Angebot war. Diese kleinen Dinge.
Aber meine Zukunft erschien mir zu wichtig und groß für Optimismus. Wichtige und große Dinge passieren nicht mit dem größten Glück. Zumindest nicht mir.
 
Deshalb ging ich in dem Moment, in dem ich konnte.
Ich war weg.
 
Ich war auf dem Weg.
 
Was ich nicht wusste: Ich war nicht dort, um mich nieder zu lassen. Nicht um anzukommen. Ich bin immer noch auf dem Weg. Und nicht nur in diesem Großen was sich mein Leben nennt. Ich bin immer auf dem Weg und selten angekommen. Wenn ich bleibe, dann nicht lange und nicht kurz. Ich gehe wieder weiter, einfach weiter. Als könnte ich nicht aufhören und ich kann jetzt noch nicht einmal sagen, ob es je aufhört. Und so bleibe ich auf dem Weg.

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