Der Alkohol und wir – eine toxische Beziehung.

Und so saß ich da in der Runde, am Morgen danach. Ich war weniger verkatert als ich dachte, ein wenig platt – und müde. Niemand sage was dazu, zu mir, zu dem was gestern passiert ist. Es war als wäre nichts gewesen, aber nicht im guten Sinne – das Schweigen fühlte sich an wie Eiseskälte. Eine Eiseskälte, die nun im Raum stand und seitdem nie wieder wirklich verschwand. Ich fragte nach meinem Handy und stellte eher zufällig fest, dass mich eine Person – die mir in diesem Moment gegenüber saß – direkt aus ihrem Social Media gelöscht hatte.

Ich war aggressiv geworden, verbal aggressiv – so aggressiv wie man mit 56 Kilo Körpergewicht wirken kann: nicht besonders beeindruckend.

Sowas war mir noch nie passiert. Blamiert habe ich mich natürlich schon mal, wenn Alkohol im Spiel war, das lag aber hauptsächlich daran, dass mich Alkohol redselig machte, sehr redselig. Aber nie war ich aggressiv. Davor nicht und danach auch nicht wieder.

So saß ich also auf einem Festival, in einer Runde, die als Außenstehende mein gruseligstes Erlebnis mit Alkohol mitbekommen hatten. Für sie war es klar: Mit der stimmt was nicht. Sie hätte sich besser im Griff haben sollen, es waren doch nur ein paar Bier.

Für mich war die Sache absolut nicht klar. Ich konnte das alles nicht mit mir selbst in Verbindung bringen. Noch heute fühlt es sich so an. Die Erinnerung ist für mich nur in dem Sinne greifbar, als hätte man mich in eine Puppe gesteckt, die aussieht wie ich und für mich interagiert.

Mit den Menschen, mit denen ich dort war habe ich kaum noch was zu tun. Ich möchte sie nicht dafür verurteilen, dass sie nicht wussten wie sie mit mir umgehen sollten. Dennoch fragte ich mich sehr oft, warum dieser Abend direkt komplett auf meine Person projiziert wurde, sogar auf meine nicht-alkoholisierte, nüchterne. Sie ließen die Sache auf sich beruhen und machten sich, ohne mich zu fragen, wie es mir eigentlich damit ging, ihr eigenes Bild. Noch heute habe ich das Gefühl, dass sie dachten, ich hätte ein bisschen Apfelsaft getrunken und mich bewusst dazu entschieden so zu sein.

Für mich war diese Sache ein signifikantes Erlebnis, das mir zeigte, wie paradox und toxisch unser Verhältnis zu Alkohol ist. Überall verfügbar, aber wenn beim Konsum etwas schief geht, liegt es vor allem am Trinkenden selbst.

Statistiken

Aber nähern wir uns dem Alkohol erstmal sachlich, bevor wir unsere toxische Beziehung mit ihm zerpflücken:

Deutschland gilt als Hochkonsumland, das heißt, der Pro-Kopf-Alkoholkonsum reinen Alkohols, ist deutlich höher als der Durchschnitt der OECD-Länder – der lag nämlich 2019 bei 8,9 Litern pro Kopf, in Deutschland waren es 10,9 Liter. Das ist auch gar nicht so überraschend, denn gut 70 Prozent der Deutschen haben innerhalb der letzten 30 Tage Alkohol getrunken und das ist eine Zahl die nur die Menschen zwischen 18 und 64 betrifft, was bedeutet: die absolute Mehrheit in Deutschland trinkt Alkohol, ist also nicht abstinent. Wenn wir bei den 18- bis 64-jährigen bleiben, haben wir davon 6,7 Millionen, die riskante Mengen trinken, also so, dass sie ihre Gesundheit gefährden. 1,4 Millionen Menschen betreiben sogenannten Alkoholmissbrauch: der Konsum weicht von der sogenannten Norm einmalig oder wiederholt ab (beispielsweise das sogenannte Flatrate-Saufen). Abhängig sind 1,6 Millionen Menschen. Bezogen auf Deutschland klingt das erstmal wenig, aber wir sprechen hier nur von einer bestimmten Altersgruppe, heißt: Minderjährige und Menschen über 64 sind nicht miteingeschlossen.1 (Die Zahlen gelten für 2019). Und als wäre das nicht genug, gibt es auch noch eine bittere Zahl: 200 Menschen sterben täglich an den Folgen ihres Alkoholkonsums, dazu gehört zum Beispiel auch die Trunkenheit am Steuer. Man muss also nicht unbedingt abhängig sein, um in dieser Statistik zu landen. Besser macht es das nicht, denn das zeigt uns wie viel Einfluss dieser Stoff auch auf unser Leben und Sterben hat.

It’s getting toxic

Bewusst ist uns das allemal, trotzdem gehört die Droge Alkohol zu unserem Alltag. Neben Gaststätten, Restaurants und Cafès, die den ganzen Tag selbstverständlich Alkohol ausschenken, scheint man auch in der Uni-Mensa, vor dem Vorlesungssaal oder sogar bei Einschulungen nicht darauf verzichten zu können. Aber sind Uni und Einschulung nicht etwas, wo man lieber nüchtern bleiben sollte?

Absolut. Und genau hier wird es toxisch.

Während man also fast überall ohne Probleme an Alkohol herankommt (quasi unterbewusst vermittelt wird: Das ist komplett normal!), werden alkoholkranke Menschen stigmatisiert und entmenschlicht.

In meiner nicht repräsentativen Instagram-Umfrage gaben 21 Prozent (also 12 von insgesamt 58 Menschen) an, jemanden weniger ernst zu nehmen, wenn sie bemerken, dass der:diejenige sein Trinkverhalten nicht sonderlich im Griff hat. Das hängt höchstwahrscheinlich damit zusammen, dass Trinkverhalten in unserer Gesellschaft mit Disziplin und Eigenverantwortung gekoppelt ist. Ob diese Einordnung allerdings richtig ist, ist fraglich. Auf der einen Seite gibt es Vermutungen von einem Alkohol-Gen2, auf der anderen Seite sollte man sich fragen:

Kann ich einen Menschen dafür verurteilen, dass er sich mit seinem Alkoholkonsum „nicht genug im Griff“ hat, wenn dieser Stoff überall so selbstverständlich behandelt wird? Einen Stoff mit einem Suchtpotenzial, das mit dem von Heroin3 vergleichbar ist?

Eine Sucht ist eine Krankheit, die gesellschaftlich auch wie eine Krankheit behandelt werden sollte, aber vor der Sucht kommt der Missbrauch, der riskante Konsum und gerade der wird doch noch verstärkt. Als Mensch mit großem Suchtpotenzial ist es fast unmöglich dem Alkohol aus dem Weg zu gehen – soll sich also jemand, der auf seinem besten Weg in die Sucht ist, einfach isolieren? Soll also jemand, der wahrscheinlich sowieso schon depressiv ist, nicht mehr wirklich die Möglichkeit haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen? Und dazu: Müssen wirklich Leute gezwungen werden, zu erlügen, warum sie sich jetzt zur Einschulung kein Gläschen Sekt genehmigen?

Zurück zu meinem Erlebnis auf dem Festival: Mittlerweile kann ich es einordnen. Es war zu einem Zeitpunkt, der von vielen negativen Umbrüchen geprägt war, ich war mit den meisten Menschen, die mit dabei waren, nicht auf einer Wellenlänge und es ergab sich zusätzlich zu meinem alkoholisierten Ich eine extrem stressige Situation, die alles auslöste. Es gibt eine Erklärung für diesen merkwürdigen Zustand in dem ich da war. Aber diese Erklärung deckt sich nicht mit dem, was ich eigentlich über Alkohol gelernt habe: nämlich dass es sich um eine scheinbar alltagstaugliche Droge handelt.

Was mich an der Geschichte allerdings am meisten schockte war nicht nur meine Alkoholreaktion, nein, es war der Stempel, der Stempel der mich in der Runde zu einer mit einem kleinen Alkoholproblem machte – und das obwohl ich nicht wirklich regelmäßig Alkohol trinke. Ich sollte mich schämen, mich schlecht fühlen, ich hatte mich ja nicht im Griff – die, die aber dauerhaft und regelmäßig tranken bekamen diesen Stempel nicht, denn sie sind so an den Alkohol gewöhnt, dass sie nicht merkbar darauf reagieren. Es hing also alles an der Reaktion.

Alles was ich bis jetzt von Alkohol mitbekommen oder über Alkohol gelernt habe, ist höchst paradox und widerspricht sich: eine Droge, mit Heroin vergleichbar, aber ganz alltäglich. Jedes gesellschaftliche Event wird mit Bier und Sekt gefeiert, aber es soll bitte keiner betrunken sein. Wir wissen, wie schlimm eine Alkoholsucht ist und machen uns trotzdem über ihre daran Erkrankten lustig, ächten sie, schließen sie aus. Vielleicht ist es an der Zeit, dies alles mal zu überdenken, nicht nur als Gesellschaft, sondern auch als Individuum.

Happy 420!

Quellen:

1 https://www.kenn-dein-limit.de/alkohol/alkoholwissen-kompakt/

2 https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Die-Sucht-liegt-in-den-Genen-249603.html

3 https://www.internisten-im-netz.de/aktuelle-meldungen/aktuell/suchtpotenzial-von-alkohol-wie-bei-heroin.html#:~:text=Das%20Suchtpotenzial%20von%20Alkohol%20ist,vergleichbar%20mit%20dem%20von%20Heroin

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