Das „Irgendwie“-Semester.

Ich habe ja ein wenig gehofft. Nein, eigentlich habe ich viel zu viel gehofft: Es lag wahrscheinlich an dem offenen Brief, den drei Professorinnen ins Leben gerufen hatten und bis jetzt knapp 14.500 UnterzeichnerInnen gefunden hatte. In diesem Brief ging es darum, das Sommersemester 2020 zu einem Nullsemester zu machen, ein durch und durch sinnvoller Vorschlag. Der ignoriert wurde.

Am 01. April bekamen wir die Mail: Das Semester startet sicher zum 20. April. Ausschließlich virtuell. Erstmal.

Eine Nachricht, die ich zugegebenerweise erwartet, aber mir nicht erhofft hatte. Dies lag vor allem an diesem offenen Brief, den die Professorinnen Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky, Dr. Andrea Geier und Dr. Ruth Mayer initiiert haben. Darin fordern sie ein sogenanntes „Nicht-Semester“. Die Lehre soll zwar formal stattfinden, das Semester aber nicht zählen. Befristete Verträge sollen verlängert werden. Als Gründe führen sie unter anderem generelle prekäre Beschäftigungsverhältnisse in Forschung und Lehre, sowie die neue ungewisse Situation vieler (vor allem ausländischer!) Studierender auf. Angesichts der Krise, der wir jetzt begegnen müssen eine vernünftige Idee, jedoch eine Option, die wieder einmal fallen gelassen wurde. Wieder einmal die fairste Option, die fallen gelassen wurde.

Wie bei den diesjährigen Abiturprüfungen, die mit aller Gewalt doch für alle stattfinden werden, soll auch das Sommersemester 2020 mit allem Drumherum durchgezogen werden. Ausnahmen gelten für Veranstaltungen, die nur in der Praxis stattfinden können.

Ich frage mich, was das soll. Seien wir mal ehrlich: was die Digitalisierung angeht, sind unsere deutschen Universitäten im Schnitt nicht sonderlich gut ausgestattet. Die digitalen Meetings, an denen ich bis jetzt teilhaben durfte, waren eine qualitative Katastrophe – und ich habe nicht einmal eine schlechte Internetverbindung. Wie sollen da bitte Seminare, die auf einer Interaktion zwischen Lehrenden und Studierenden beruhen, stattfinden?

„[…]die Hochschulen müssen auf den überstürzten Takt der öffentlichen Entwicklungen und Maßnahmen mit Entschleunigung reagieren (können). Daher rufen wir dazu auf, das Sommersemester 2020 nicht als ‘business as usual’ laufen zu lassen.

Wenn wir als Lehrende konstruktiv und im Sinne der Studierenden agieren wollen, kann es nicht darum gehen, so schnell wie möglich den Status quo des herkömmlichen Lehr- und Prüfungssystems online wiederherzustellen.“

…heißt es im Brief. Besser könnte ich es nicht ausdrücken.

Leider wird das Semester aber doch nur „irgendwie“ stattfinden.

In den letzten Wochen habe ich es immer wieder mal gelesen; auf Social Media, in Zeitungsartikeln; in den Nachrichten habe ich es sogar sagen hören: Vielleicht ist eine Entschleunigung ganz gut. Für die Hochschulen gilt das allerdings offenbar nicht. Hauptsache wir haben ein „ganz normal studiertes“ Sommersemester 2020 vorzuweisen. Diese Entscheidung ist eine absolute Katastrophe – denn sie zeigt uns wieder: Es gilt das Recht des Stärkeren.

Ich denke da nicht nur an Studierende, die jetzt in eine fast unlösbare finanzielle Notsituation geraten sind, sondern auch an die, die direkt von Corona betroffen sind, vielleicht eine*n Angehörige*n durch das Virus vielleicht sogar verloren haben, an psychisch Erkrankte Studierende, die durch die Krise mit ganz neuen seelischen Belastungen zu kämpfen haben und die erst einmal das in den Griff bekommen müssen.

Ich selbst merke, wie mir das jetzt schon alles zu Kopf steigt. Für eines meiner Studienfächer habe ich die Seminaranmeldungen verpasst, weil die Daten genau auf einem Portal hochgeladen und publiziert wurden. Und dieses Portal nutzt kaum einer regelmäßig. Dank Windhundverfahren (worüber ich ein seitenlanges Wut-Essay schreiben könnte) mache ich jetzt entweder ein theaterwissenschaftliches Seminar, obwohl ich eher medienwissenschaftlich orientiert bin, oder ich warte ein Jahr.

An unserer Uni gibt es schon jede Menge Portale, jetzt kommt mit Zoom noch eines dazu und die Seite auf der die Lernmaterialien hochgeladen werden, läuft jetzt schon nicht flüssig. Für mich als ADHSlerin eine absolute Katastrophe; ein wahres Futter für meine Unsortiertheit. Hinzu kommt, dass ich wieder mit psychischen Belastungen zu kämpfen habe, die ich für überwunden gehalten habe. Meine Depression schneite in letzter Zeit wieder öfter vorbei und sagte: Es wird nie wieder gut.

Natürlich könnten die direkt Betroffenen ein Urlaubssemester einlegen, aber auch dafür braucht man Gründe. Und wie will man beweisen, dass man durch die Krise an einer Depression erkrankt ist, wenn schon ohne Krise die Wartezeit auf ein Erstgespräch viel zu lange dauert? Gerade jetzt, wenn es vermehrt Depressionen und Suizide gibt?

Und was ist mit denen, deren Wohnverhältnisse ein vernünftiges Lernen nicht zulassen? Haben die jetzt Pecht gehabt?

Die Entscheidung wirkt jedenfalls so: Wer damit nicht klar kommt, hat eben Pech gehabt. Zwar wird natürlich beteuert, dass keine Nachteile entstehen sollen, aber ich habe wenig Hoffnung, dass das in der Praxis funktioniert. Es wird Leute geben, die durch alle Hilfsraster fallen – und wenn es auch nur eine einzige Person wäre, es wäre eine Person zu viel.

Es wurde wieder im Sinne der Leistung entschieden. Und Leistung ist gerade eben nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist gerade, einen vernünftigen Umgang mit dieser Krise zu finden.

Professor Dr Herbert Woratschek von der Uni Bayreuth sieht das ganz anders als ich. Allerdings scheinen seine einzigen Argumente die zu sein, dass es andere eben noch schlimmer hätten und wir nicht jammern sollten. Etwas, was ich zum Thema Abiturprüfungen übrigens auch sehr oft lesen musste. „Andere schaffen es auch! Wir haben es auch geschafft! Alles nur Gejammer!“ Es beschlich mich sogar das leichte Gefühl, dass unterstellt wird, sich alles möglichst bequem zu gestalten.

Dr. Woratschek schafft hier etwas Ähnliches:

„Insbesondere die Begründungen der Verfasser des offenen Briefes treiben mir die Schamröte ins Gesicht:

„Zusätzlicher Aufwand für Lehrende und Verwaltung“: Was bedeutet dies schon angesichts der Leistungen im Gesundheitssystem? Wenn man bedenkt, welche zusätzlichen Leistungen auf unsere Pfleger, Ärzte, Polizisten, Politiker und viele andere in der Corona-Krise schultern müssen, sollten wir Forschende und Lehrende auch unseren Beitrag leisten.“

In diesem Zitat bezieht er sich nicht auf Studierende, allerdings frage ich mich, was er sich dabei gedacht hat – schließlich ging es in dem offenen Brief genau darum: sich im Sommersemester 2020 auf die Veränderungen, die die Corona-Krise mit sich bringt,  in einer vernünftigen Art und Weise einstellen zu können und nicht eine Lehre um der Normalität Willens ohne Rücksicht auf Verluste durchzudrücken.

Es ist ein Armutszeugnis, dass dies jetzt doch passiert.

Dieser Artikel erschien zuerst in gekürzter Form auf: V – das Studimagazin.

Mein Leben ohne Diagnose, mein Leben als Problemkind.

In diesem Sommer werde ich 26 und in diesem Sommer wird meine ADHS-Diagnose 2 Jahre alt. Ja, das ist wirklich gar nicht so lange her. Vor allem nicht, wenn man bedenkt, dass ich schon in meiner Kindheit Symptome hatte: Ich war verträumt, bin im Unterricht einfach aufgestanden, manchmal ohne wirklich darüber nachzudenken, war immer eine der Langsamsten und war grundsätzlich ein Problemkind.

Dafür war ich allerdings auch immer mit einer Sensibilität ausgestattet, die mit dieser negativen Resonanz darauf nicht umgehen konnte. Ich habe ziemlich lange nach einem Platz gesucht, nach einem festen Platz in einem Freundeskreis, einem Platz, an dem ich selbstverständlich wäre. Stattdessen habe ich mich immer gefragt, was denn mit mir nicht stimme und ob ich einen komischen Knoten in meinem Kopf habe. Apropos Kopf: Der war dazu noch mit einer Fantasie-Welt ausgestattet, in der ich – Überraschung – ein ganz normales Mädchen war. Ohne „die Komische“ zu sein.

„Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“, lautet ein Sprichwort. Bei einer ADHS heißt es aber: Was ich nicht weiß, macht mich krank.

Die möglichen Folgen einer unbehandelten ADHS habe ich am eigenen Leib zu spüren bekommen: mit 16 wurde mir meine erste depressive Episode diagnostiziert, wegen einer zweiten war ich sieben Jahre später in einer Tagesklinik. Noch heute habe ich Probleme mich selbst als selbstverständlich zu nehmen, mich selbst als berechtigten Part, in egal welchem Umfeld, zu sehen. Man merkt es mir meistens nicht an: Aber in mir schlummert eine riesengroße Scham über mich selbst.

Was man mir allerdings anmerkt ist meine Wut. Mich bringen Kleinigkeiten in Bruchteilen von Sekunden auf die höchste Palme der Welt, aber richtig rauslassen kann ich sie auch nicht.

In einer Gesellschaft, in der Gefühlsausbrüche höchstens in Extremsituationen akzeptiert werden, ist das sehr von Nachteil. Und nicht nur das – irgendwann beschleicht dich langsam, aber sicher das Gefühl: Mit mir stimmt irgendwas nicht!

Mit AdhslerInnen stimmt natürlich alles und wenn man darum weiß, verlieren die Wutanfälle, die „komischen“ Verhaltensweisen ihren Schrecken, denn als AdhslerIn geht man symptombedingt mit vielen Dingen etwas anders um. Manche mögen das als eine Art Entschuldigung sehen. Eine Entschuldigung für Vergesslichkeit, eine Entschuldigung für die Verplantheit, eine Entschuldigung, um sich nicht anstrengen zu müssen. Aber eigentlich, eigentlich strengen sich AdhslerInnen sehr an.

Ich weiß nicht, wie oft mir vorgeworfen wurde, wie stinkend faul [sic!] ich denn sei, oder dass ich mich einfach nicht anstrengen will. Ich wurde von LehrerInnen bloßgestellt und meine Eltern dachten, ich bin ein Wildfang, der sich einfach nicht anpassen will. Ein bisschen stimmte das auch. Allerdings wollte auch ich einfach stressfrei meinen Weg gehen und mir ein Leben gestalten, mit dem ich auch glücklich war. Aber irgendwie hat es nicht ganz so funktioniert. Nicht nur, dass meine (sowieso unrealistischen) Vorstellungen nicht erfüllt wurden, nein, ich hatte nie das Gefühl, dass irgendetwas konstant funktioniert hat. Der Platz im Leben, den ich so dringend gebraucht hätte, war nonexistent. Nicht mal die Dinge, die mir eigentlich Spaß gemacht haben, habe ich wirklich durchgezogen. Das passiert mir heute noch. Ihr wisst gar nicht, wie viele Bücher und Filme, die mich extrem interessieren, ich noch nicht gelesen oder gesehen habe. Sie wurden unter Prokrastination der Prokrastination und flüchtig gesehenen YouTube-Videos begraben.

Paradoxerweise linderten sich manche Symptome, als ich dann meinen Alltag ganz alleine meistern musste, als ich selbst entscheiden konnte, wann und wie ich was mache. Ich wollte mein immer mal wieder vorhandenes Chaos zwar immer noch nicht akzeptieren, aber viele Dinge gingen einfach besser, ohne mahnende Stimme meiner Eltern; oder ohne LehrerInnen, die sehr im Sinne einer katholischen Mädchenschule an mir rumerziehen wollten. Einiges blieb aber.

Betrinke dich als eh schon zu offener Mensch an der Orientierungswoche in der Uni unter fremden Leuten. Ich empfehle es nicht.

Man sagt über AdhslerInnen, sie könnten sehr resilient sein. Es macht schon Sinn, wenn man so oft scheitert, dass man sich daran gewöhnt und einfach lernt, es zu vergessen – oder zu verdrängen. Doch meine Begeisterungsfähigkeit und mein Durst nach Neuem, nach einem ganz normalen Leben, haben mir eine Krücke gegeben, die ich nach und nach immer mehr realisiere. Eine sehr sehr wertvolle Krücke.

Als ich mein Abi gemacht habe – Schnitt 3,5 – habe ich erstmal ein Jahr in Münster studiert. Weil es nicht das war, was ich eigentlich machen wollte, habe ich mich auf die Suche nach Universitäten gemacht, die Medienwissenschaften ohne NC anboten. Ich bin in eine neue Stadt gezogen und dachte mir: Jetzt geht es los!

Dann ging es los und ich hatte dieselben Probleme wieder. Außerdem schlugen hinzu noch die Wunden, die eine dreijährige toxische Beziehung, die ich kurz vor dem Umzug beendet hatte, mit sich gebracht hatten, auf brutalste Art auf mich ein. Ich begab mich wegen Depressionen in Behandlung. Davor recherchierte ich ein wenig – die Zeitspanne bis zu meinem Termin dauerte mir zu lange, ich wollte mehr über das herausfinden, was in mir vorging. Genau weiß ich nicht mehr, wie ich dazu gekommen bin, aber jede Liste mit AD(H)S-Symptomen passte wie die Faust aufs Auge. Klar sollte man seine Symptome nicht unbedingt googlen, aber wenn man schon ein ganzes Leben mit sich lebt, kennt man auch seine Probleme. Und meine Probleme stimmten mit AD(H)S-Problemen überein. Ich bat meine damalige Psychiaterin mir einen Termin zu machen, um das sicher abklären zu lassen – eineinhalb Jahre später hatte ich meine zwei Termine. (Den ersten verschlief ich, weil ich bei meinem Wecker nicht auf speichern geklickt hatte.) Ich habe viele Fragen beantwortet, Grundschulzeugnisse eingesammelt, mein Umfeld mit Fragebögen über mich genötigt. Es war schon anstrengend. Ich erinnere mich noch, dass die betreuende Psychologin damals meinte, dass meine Grundschulzeugnisse schon sehr aussagekräftig seien. Eine Sache, die ich sehr hart fand. Wieso hat man es dann nicht einfach da schon bemerkt?

Am Ende stand die Diagnose fest. Und ich bin immer noch sehr glücklich darüber. Sehr. In den letzten zwei Jahren habe ich viel mehr über mich gelernt, als die gesamten Jahre davor. In letzter Zeit beginne ich, mich selbst mehr und mehr zu akzeptieren, meine Eigenheiten hinzunehmen und Strategien zu entwickeln, wie ich Dinge am Besten angehe. Ich fange nicht mehr an, alles hinzuschmeißen, wenn etwas nicht perfekt funktioniert, ich tue mir selbst besser.

Durch mein ADHS habe ich Vieles gelernt. Aber dieses Lernen kam auch erst mit der Diagnose. Deshalb ist die auch so wichtig. Es geht nicht darum, Menschen irgendeine Krankheit „einzureden“, was für ein Schwachsinn!, es geht darum, dass man sich selbst besser verstehen kann und es geht auch darum, die richtige Behandlung für sich zu finden.

In Doris Ryffel-Rawaks „ADHS bei Frauen“ las ich viele Geschichten Betroffener. Manche waren bis in ein hohes Alter davon überzeugt, dass sie halt einfach nicht so fähig waren. Das kann ein Leben zu einem unerträglichen Spießrutenlauf machen.

Ich frage mich, warum immer alle sagen, ADHS wird überdiagnostiziert. Ich habe nicht wirklich eine Ahnung, wie viele Diagnosen sich als falsch herausgestellt haben, aber Tatsache ist, dass gerade Frauen gar keine oder viel zu späte Diagnosen erhalten – dieses Thema wird noch einen eigenen Blogpost bekommen – und eine späte Diagnose, gerade bei vorhandenem Leidensdruck, ist ein Problem. Auch bei physischen Krankheiten ist das so.

Es geht nicht, dass Leute krank oder kränker werden, weil sie nicht abgeklärt werden – meist aus dem Grund, weil psychische Probleme und Erkrankungen immer noch unter ein Stigma fallen. Es geht nicht, dass nicht sichtbare Störungen oder Probleme als Erfindung abgetan werden. Ich habe ADHS und ich weiß wie es sich anfühlt. Vieles wäre anders gelaufen ohne.

Ich hatte keine Diagnose und hing ewig in der Luft; mit mir und meinem Selbstverständnis. Vielleicht wäre es auch mit Diagnose nicht perfekt gelaufen. Aber zumindest hätte dieses Gefühl, dass irgendwas nicht passt, einen Namen gehabt – und dann wäre es irgendwann verschwunden. Einige Jahre früher als jetzt.

Meine Geschichte ist unter anderem der Grund, warum ich diesen Blog ins Leben gerufen habe. Ich bin nicht nur ADHS und ich werde hier nicht immer über ADHS schreiben. Aber es wird ein Thema. Und es muss ein Thema sein, denn sonst werden die Geschichten wie die meinige, nicht weniger. Wir dürfen nicht mehr so „butthurt“ sein mit solchen Sachen. Es ist nichts Überdramatisches, manche Menschen haben es und es gehört zu ihnen. Es ist einfach nur ADHS.