stray – ein Review

Machen wir uns nichts vor – ADHS-Gehirne lieben Computer-Spiele. Vor allem wenn sie jung sind. Und so verbrachte ich damals sogar fast meine ganzen Osterferien im Sims-Hyperfokus und auch von einem uralten Game namens Zanzarah kam ich eine ganze Zeit lang nicht los. Sonst hält sich meine Gaming-Erfahrung allerdings in Grenzen. Ich habe hier und da mal eine Runde Minecraft gespielt oder bin irgendwelche Rennen gefahren – aber dass ich von selbst ein Spiel wirklich interessant genug fand, um es mir zu holen und durchzuspielen, kam nicht vor – bis vor Kurzem. Ich habe nämlich auf ein ganz bestimmtes Spiel gewartet und es ist gerade in aller Munde: Stray.

(Spoiler Alert: Ich gebe hier ein bisschen vom Anfang der Story wieder, der auch eine Information enthält, die man erst gegen Ende des Spiels erfährt, sofern man nicht mit allen Robotern in der Untergrundstadt spricht)

In Stray spielt man eine kleine süße Katze, die wieder nach Hause finden muss. Dafür muss sie sich durch eine menschenleere futuristische Untergrund-Stadt kämpfen, die auch noch mit kleinen tödlichen Wesen (Zurks) infiziert ist. Alleine ist man zum Glück trotzdem nicht – der kleine Roboter B-12 (angelehnt an den Namen des Entwickler-Studios BlueTwelve) leistet nicht nur Gesellschaft, sondern kann auch mit den nicht-menschlichen Bewohner:innen der Stadt kommunizieren.

Diese nicht-menschlichen Bewohner:innen sind eigentlich recht freundliche, zu Anfang eher verängstigte Roboter mit Köpfen aus Computer-Bildschirmen. Es stellt sich recht schnell heraus, dass sie ein eher trauriges Dasein fristen, denn in ihrer Stadt ist es immer dunkel – Lichtquellen sind nur elektronischer Natur und der Himmel wird von einer Kuppel verdeckt, an der Lichter angebracht sind, die Sterne suggerieren sollen. Die Welt aus denen wir als Spieler:innen kommen, heißt für diese Roboter „Außenwelt“ und Manche glauben gar nicht mehr an ihre Existenz.

Allerdings gibt es kleine Gruppe von Robotern – die sogenannten Außenweltler – die sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen Weg in die Außenwelt zu finden. Und so müssen wir uns auf den Weg zu Momo machen, die Einzige dieser Gruppe, die noch in dieser Stadt lebt – denn der Rest ist totgeglaubt, umgekommen auf der gefährlichen Suche nach dem Weg in die Außenwelt…

Die Katze und der Musiker

…und so schlüpfte ich also in die Rolle dieser Katze, um sie nach Hause zu bringen – und glaubt mir, ich saß schon lange nicht mehr mit so leuchtenden Augen vor einem Bildschirm! Ich war direkt verliebt in dieses Spiel. Natürlich wegen der Katzen, aber auch, weil man nicht nur eine Katze spielt, sondern auch wirklich eine ist. Das heißt: man maunzt, man schnurrt, man kann Sachen runter schmeißen oder sich auch einfach mal hinlegen und eine Runde schlafen – wie zum Beispiel neben einem Straßenmusiker (was ein sehr süßes Bild abgibt). Dieses Katze sein nahm ich anfangs dann ein wenig zu ernst und so hielt ich mich viel zu lange an der Eröffnungssequenz auf, indem ich eine Eisentür anmaunzte (die natürlich nicht auf ging und alle anderen Türen danach ebenfalls nicht). Weiter im Spiel merkte ich, dass es nicht nur super niedlich aufgezogen ist, sondern auch noch wirklich gut aussieht. Trotz düsterer Abschnitte schafft Stray es, immer ein bisschen von dieser comforting „Lofi-Ästhetik“ zu behalten und man hat auch irgendwie das Gefühl, an einem regnerischen Herbsttag auf der Couch zu sitzen, Tee zu trinken und zu zocken – und das obwohl es draußen eigentlich 30 Grad hat.

Neben all diesen Plus-Punkten fand ich es als gaming-unerfahrene Adhslerin auch noch wirklich angenehm zu spielen: es geht hier nicht darum punktgenau irgendwelche Battles zu gewinnen, sondern darum, eine Geschichte von Anfang bis Ende zu erkunden und irgendwie auch selbst zu erzählen. Der Frust des nicht weiter kommens hielt sich in Grenzen und es gab unendlich Zeit die einzelnen Kapitel zu erkunden – mit kleinen Side-Quests, die für mich natürlich interessanter waren, als das was ich eigentlich tun sollte (und ehrlich gesagt habe ich das Fertig sein absichtlich etwas hinausgezögert, denn ich wollte nicht, dass es endet). Einen kleinen Kritikpunkt habe ich aber trotzdem: Das Ende. Es ist nicht wirklich rund und ein viel zu schneller Abschied von dieser düster-niedlichen Welt. Aber vielleicht geht es noch weiter? Gegen einen zweiten Teil hätte ich absolut nichts einzuwenden.

Ihr seid neugierig geworden und wollt Stray auch spielen? Das könnt ihr – denn das Spiel ist nicht nur für Playstation 4 und 5, sondern auch für Windows erschienen, also braucht ihr nicht unbedingt eine teure Konsole. Je nachdem wo ihr es kauft, kostet es zwischen 29,99 und 39,99 Euro. Ich denke mal, wenn ihr ein bisschen Zeit verstreichen lasst und es wirklich für die regnerische Tee-Saison „aufhebt“, wird es etwas günstiger sein.

Zum Schluss gibt es noch ein paar kleine Tipps von mir:

– Erkundet ALLES: Sprecht mit jedem Roboter, dem ihr begegnet, schaut in jeder Ecke, was ihr machen könnt, es gibt so viel zu finden

– Sammelt die Erinnerungen ein: in jedem Kapitel könnt ihr eine Erinnerung von B-12 finden. Bevor ihr die Kapitel verlasst, schaut, dass ihr diese Erinnerung habt; so bekommt ihr eine interessante Geschichte

– Zurks sind nicht besonders intelligent: manchmal reicht es auch einfach sie in den Abgrund zu locken, anstatt sie zu bekämpfen

– Findet die Blumen im Baumhaus

„Das Andere geschlecht“

Vor ein paar Wochen entschied ich mich, FLINTA* etwas zu fragen. Ich war neugierig, denn ich wollte etwas ganz Bestimmtes wissen. Ich wollte wissen, wie sie gemerkt haben: Ich bin „das andere Geschlecht“.

Zugegeben, mir war nicht wirklich bewusst, woher die Formulierung „das andere Geschlecht“ kam. Natürlich habe ich schon mal von Simone de Beauvoirs Essay gehört und was darin ungefähr gesagt wird – nämlich, dass die Frau zum „anderen Geschlecht“ gemacht wird und als das Unvollkommene, als das Subjekt gilt, während der Mann als das Vollkommene, Essenzielle, also das „Normale“ und somit das Objekt ist – aber tiefgründig damit auseinandergesetzt habe ich mich nicht. Als ich mir dann ziemlich schuldbewusst eine lange Podcastfolge (https://open.spotify.com/episode/4EYJirdAd7xX13ovqbqflu?si=S7nYPDKxTE2QKcfGVAF8zQ&utm_source=copy-link) dazu anhörte, bemerkte ich: Ich muss eigentlich nur mich selbst fragen und mein eigenes Frau-sein in dieser Gesellschaft reflektieren. Ich BIN das andere Geschlecht und wenn ich mir das nochmal bewusst mache, habe ich schon viel von dieser Auseinandersetzung.

Heute geht es aber nicht um mich, sondern um die Antworten, die ich bekommen habe. Mir wurden Texte und Memos geschickt und ich habe Gespräche geführt. Und ich habe beschlossen diese Geschichten ungekürzt für sich stehen zu lassen. Die einen sind kürzer, die anderen länger, aber jede für sich wichtig – wichtig, sie sich anzuhören. Einen guten feministischen Kampftag an alle da draußen!

Anne, 26

Besonders prägnant ist mir das in zwei Situationen während meines Auslandssemesters in Dublin aufgefallen, in denen ich mit hegemonialer, beziehungsweise toxischer Männlichkeit konfrontiert wurde.

An einem Abend war ich mit einer Freundin in der Studi-Bar und ein stark betrunkener Typ, der uns gegenüber saß, hat mich nach einem kurzen Gespräch relativ aus dem Nichts eine „fucking cunt“ genannt, woraufhin er und sein Kumpel gelacht haben. Das Frustierendste war für mich im Nachhinein v.a., dass ich – schön gemäß meiner weiblichen Sozialisation – freundlich geblieben bin und sogar noch kurz versucht habe, die Situation zu deeskalieren. Das Gefühl der Überforderung (zum kleinen Teil auch wegen der Sprachbarriere, aber vor allem aufgrund der patriarchalen Hierarchie) und Hilflosigkeit frustriert mich bis heute.

Der zweite Moment war, als ich mit dieselben Freundin im Park saß und eine Gruppe Jungen (circa 9 bis 10 Jahre alt) vorbeikamen und anfingen uns zu provozieren, indem sie uns fragten, ob wir Pornos schauten und ob ich einem von ihnen einen Blow-Job gebe. Auch hier hat es mich frustriert, dass ich wieder deeskalierend geantwortet habe. (Was wohl auch daran lag, dass ich Lehramt studiere und mir in der Schule solche Provokationen von Schülern [bewusstes Maskulinum] wohl noch öfter begegnen werden.) Allerdings konnte ich in dieser Situation zumindest klar sagen, dass ihr Verhalten sexistisch und unangebracht ist, was sie am Ende halbwegs verstanden haben. Es war trotzdem krass zu merken, dass patriarchale Diskriminierung und die damit einhergehende Machthierarchie auch da stattfindet, wo die Altersverhältnisse umgekehrt sind.

So unangenehm diese Situationen waren, hoffe ich trotzdem, dass ich bei der nächsten Situation, in der mir oder einer anderen FLINTA*Person Sexismus entgegen gebracht wird, klare Kante zeigen kann!

Flo, 25

Besonders bewusst, dass ich „das andere Geschlecht“ bin wird mir, wenn ich draußen unterwegs bin, häufig nachts, aber auch tagsüber. Wenn ich alleine nachts unterwegs bin, mache ich mich auf Anmachsprüche gefasst und plane, wie ich reagieren kann. Wenn ich mit Frauen unterwegs bin, mit denen ich intime Beziehungen hab – die ich also auf der Straße mal küsse oder ihre Hand halte – habe ich Angst, beleidigt und sexualisiert zu werden. Und das auch tagsüber. Seien es anzügliche Blicke, seien es angeekelt Geräusche, Angebote, mit jemandem zu dritt nach Hause zu gehen oder ganz unverhohlene Beleidigungen. Als lesbische Frau kann man in einigen Situationen nicht vergessen, dass man nicht nur homosexuell ist, sondern eben auch eine Frau – Hypersexualisierung und Homophobie treffen aufeinander.

Iris, 52

Als ich mit meiner Ausbildung zur DOB-Schneiderin fertig war, hab ich mit Entsetzen festgestellt, dass Männer die, die gleiche Arbeit verrichteten, dafür deutlich besser entlohnt wurden. Heutzutage soll es das ja auch noch geben.

Das ist in meinen Augen Sexismus!

Isabelle, 25

Die Frage ist eigentlich gar nicht so leicht, ich musste eine ganze Weile darüber nachdenken und das an sich ist schon irgendwie ein Armutszeugnis für die Gesamtsituation, weil diese Muster einen wohl schon so lange begleiten, dass man sich daran gewöhnt hat.

Ich denke so richtig BEWUSST geworden ist mir alles erst ab meinem 20. Lebensjahr. Davor habe ich einfach nicht darüber nachgedacht und man hat eben alles so hingenommen. Ich denke als „Frau“ begegnet man super vielen Dingen, die sich im Nachhinein schlimm anfühlen, nicht ernst genommen werden zum Beispiel.

Was mich persönlich betrifft gibt es allerdings ein großes Thema: und zwar, dass man als „Frau“ nur auf sein Äußeres reduziert wird. Klar kann man das auch zu einem gewissen Grad auch über Männer sagen, aber ich finde die Frauen trifft es einfach viel härter. Ich muss aktiv an meiner Selbstwahrnehmung arbeiten, damit ich mich nicht selbst immer nur auf optische Attribute reduziere und das fällt mir manchmal wirklich schwer.

Ich hatte Zeiten, da war ich konventionell attraktiver, mal weniger. Das Schlimme daran ist einfach wie unterschiedlich man behandelt wird. Als ich eben nicht als sonderlich attraktiv galt, da war ich im besten Fall unsichtbar und im schlimmsten Fall hat man mich beleidigt – und das in allen möglichen alltäglichen Situationen. Einmal war ich feiern, da wurde ich als unwissentlicher Teilnehmer an einem Wettbewerb eingebunden: Wer kann das hässlichste Mädchen abschleppen. Das ist jetzt fast 10 Jahre her, aber es nagt immer noch an mir.

Es fällt mir unglaublich schwer, mich nicht auf Optisches zu reduzieren und mich für den Mensch wertzuschätzen, der in dieser Hülle lebt. Aber bei einem Blick auf meine Familie wundert mich das eben auch nicht; meine Mutter, meine Schwestern, mein Vater und meine Großeltern loben am liebsten gutes Aussehen und extra Punkte gibt es, wenn man vielleicht ein paar Kilo abgenommen hat.

Ich würde mich gerne selbst für das Loben, was mich ausmacht und das ist nicht mein Aussehen – aber das kann ich nicht. Natürlich könnte ich an die Stelle auf meine Borderline Persönlichkeitsstörung verweisen, die mir sowieso einen Strich durch die Rechnung macht, wenn ich herausfinden möchte wer ich bin. Doch ich denke die BPD ist nicht dafür verantwortlich, was ich im Alltag und in der Familie erlebt habe, sie ist schließlich eher das Ergebnis davon.

Luca (Name geändert), 22

Neulich kam von einem männlichen Mitmenschen eine Anfrage in eine Gruppe, der für einen Bekannten eine:n Pianist:in für ein paar Gigs gesucht hat. Ich hab mich daraufhin gemeldet mit der Aussage, seit 14 Jahren Klavier zu spielen und mega Bock drauf zu haben. Als Antwort wurde ich gefragt, wie fit mein Freund eigentlich auf dem Klavier sei.

Johanna, 24

Ich hab gemerkt, dass ich irgendwie anders behandelt werde als meine Freunde, vor allem Kindergarten, als meine Kindergärtnerin gesagt hat, sie braucht vier starke Jungs und ich hab mich halt gefragt, warum ich denn jetzt nicht stark bin, obwohl ich mich eigentlich auch immer stark gefühlt hab. Und dann ist mir so aufgefallen: hey, dann bin ich wohl nicht so stark und hab gesehen dass alle starken Vorbilder, die ich hatte waren einfach nicht so wie ich, weil die einfach alle als männlich gelesen wurden.

Eine Sache die mir speziell aufgefallen ist, dass der „normale Mensch“ immer als männlich dargestellt wird, war mit 16. Da sind wir mit der Schule zu einer Rucksackfabrik gegangen und da wurde dann gesagt: Wir haben jetzt auch Frauenmodelle, weil die Frauen bekommen von den normalen Modellen immer Rückenschmerzen. Und da hab ich halt gemerkt, dass Frauen immer dieses „extra“ brauchen, weil es gibt das Modell, das extra nur für Frauen ist, während das andere für den „normalen“ Menschen gemacht ist und der normale Mensch ist immer männlich. Dabei gibt es ja sowas wie „den normalen Menschen“ gar nicht, Frauen sind ja genauso normal.

Alex, 41

Ich habe mich als mein Kind ein Jahr alt war auf die Stelle einer Logistikleitung in einer Firma beworben und hatte die besten Voraussetzungen von meiner Qualifikation her und im Nachhinein habe ich dann erfahren – das hätte ich nicht wissen dürfen – dass ein Mann diese Stelle bekommen hat, weil der natürlich belastbarer ist, weil der kein 1-jähriges Kind Zuhause hat und dadurch immer in der Firma präsent sein kann und Überstunden machen kann und das haben sie mir als Mutter natürlich nicht zugetraut. Und das obwohl ich nicht alleinerziehend war und mit einem Partner zuhause lebe.

Und das hat mich schon schockiert, also das war unterste Schublade.

Genauso ging es mir in der Firma davor: Ich war Leitung vom Wareneingangs- und Versandbüro und es sollte eine Nachfolge für die Logistikleitung bestimmt werden, für die hatte ich mich auch gemeldet und die hat natürlich auch ein Mann bekommen, weil ich eine Frau Mitte 20 im gebärfähigem Alter war und da fällt man dann natürlich aus, falls man irgendwann ein Kind kriegen sollte.

Lou (Name geändert), 22

Es war bei mir halt immer so ein unterschwelliges Thema Frau zu sein, aber weil ich halt mit einem anderen Geschlecht bezeichnet wurde wars mir auch lange nicht klar. Mir ging es schlechter dadurch und vor einem Jahr konnte ich das dann klar bestimmen und habe für mich entschieden als Frau zu leben.

Viel dieser Zweigeschlechtlichkeit wird halt gesellschaftlich so festgelegt, wird halt gesagt: Es gibt nur das! Ich weiß, dass ich Dysphorie hab und mich in meinem Körper nicht wohl fühle und jetzt Hormone nehme und so Sachen und mir das hilft, aber dieses, dass man sich in Mann und Frau einteilen soll, find ich irgendwie nicht sinnig, weil ich halt auf einer anderen Ebene mit Leuten rede und es auch nicht um irgendwelche äußeren Erscheinungen geht und wie die halt Leute definieren. Und ich werde dann auch von den Kindern in meinen Kursen gefragt: Bist du jetzt Mann oder Frau? Ich finde das eigentlich ganz witzig und auch ganz cool ein eher nicht-binäreres Erscheinungsbild zu haben, weil man einfach diese Geschlechterrollen ein bisschen kaputt macht dadurch und ein bisschen macht, dass die nicht mehr so gelten, weil ich finde die schon sehr komisch. Ich finde das schon nicht so wichtig.

Dazwischen wird aber getrennt und deshalb spielt es eine Rolle einen feministischen Kampf zu haben. Oder einfach ein Kampf gegen das Patriarchat, weil es auch männlich gelesene Personen gibt, die diskriminiert werden, weil sie nicht männlich genug sind. Oder non-binäre Menschen. Heißt: für die zu kämpfen, die dadurch diskriminiert werden, die dadurch schlechte Erlebnisse haben. Und das sind halt schon auch sehr stark Frauen und FLINTA*.

Erfahrungsberichte 1.0

Viele Jahre meines Leben sind geprägt von Freundschaften zu Männern – vor allem wenn ich mir die letzten Jahre so ansehe: Ich hing einen Großteil meiner Zeit mit hauptsächlich männlichen Gruppen rum. Ich habe mir das nicht bewusst so ausgesucht und es fiel mir sehr lange auch gar nicht wirklich auf – bis jetzt. Es hat mich mehr geprägt als ich dachte und das nicht gerade im positiven Sinne.

Das hier soll keine Analyse meiner Freundschaften werden, es soll eher ein Erfahrungsbericht sein – ein Erfahrungsbericht über Sexismus. Ich wollte es lange nicht so nennen – wieso sollte ich Freunden von mir Sexismus unterstellen? Doch – wie wir alle wissen – macht Sexismus nirgendwo Halt. Und je bewusster ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, wie viel davon es wirklich war.

Warum ich am Ende oft immer mehr in männlichen Freundesgruppen landete, hatte wahrscheinlich zwei Gründe: Zum einen, dass ich immer sehr offen gegenüber Freund:innen meines Partners bin und zum Anderen, weil ich oft das Gefühl hatte unter Männern mehr „daneben“ sein zu können, mehr das Laute, das Impulsive, das Exzessive in mir ausleben zu können. Letzteres stellte sich allerdings als massiver Fehlschluss heraus, denn genau das hat viel mit meinen Erfahrungen zu tun.

Eine Person mit Meinung? Hilfe?

Die Probleme begannen immer, sobald ich eine Meinung äußerte, die nicht unbedingt volle Zustimmung in der Runde bekam, sie begannen immer, sobald ich aktiv in der Gruppe handelte. Es schien, als wäre man durchaus überrascht von mir, überrascht davon, dass ich Teilhabe wollte, dass ich mich selbst und Dinge, die mit mir zu tun hatten, einbrachte – das war wohl ein Stressfaktor. Mit der Zeit merkte ich, wie ich immer weniger und weniger ernst genommen wurde: Wenn es um gesellschaftliche Themen ging, war ich im Voraus schon die „getriggerte Feministin“ und mir wurde sogar mal gesagt, ich solle doch einfach mal „Dinge schlucken“ und „mich entspannen“, Themen von denen ich mehr Ahnung hatte als der Rest kamen nie wirklich zur Sprache, einen eigenen Musikgeschmack hatte ich eh nicht, der war ja nur durch den der Jungs begründet und grundsätzlich war man der Meinung, dass ich die Welt nicht verstanden hatte. Natürlich lag das auch alles an mir selbst, an meiner Person, nicht daran, dass ich eine Frau war. Mittlerweile bin ich aber ziemlich überzeugt davon, dass es zu einem großen Stück damit zusammenhing. Alles was mit mir zu tun hatte, wurde als weiblich deklariert, eben das Gegenteil von männlich und damit konnten und wollten sie nicht wirklich was zu tun haben.

Ja, es gab in diesen Freundeskreisen auch andere Frauen. Ich merkte allerdings irgendwann, dass es von ihnen entweder Schweigen oder Zustimmung gab. Eine dieser Frauen erzählte mir mal, dass sie an den Abenden immer einschlief, weil sie nie das Gefühl hatte, sie selbst sein zu können. Sie hatte das Gefühl sonst nicht gemocht zu werden, zu stören. Und ich störte. Anscheinend störte ich immer ziemlich.

Ich verstand es lange nicht wirklich, warum ich nicht so sein durfte, wie ich eben war, denn vergleichbare Eigenschaften fanden sich auch bei den Menschen um mich herum, bei den Männern um mich herum und da waren sie auf einmal okay. Trotzdem ich in den letzten Jahren immer mehr über den alltäglichen Sexismus, den Frauen erfahren, gelernt habe und wusste, dass es so Dinge wie mansplaining gibt, wäre mir nie in den Sinn gekommen, in diese Richtung zu denken. Zu groß war die Überzeugung, dass es ja doch an mir liegen könnte, dass ich viel zu laut und viel zu anstrengend sei, dass ich doch unfähig bin und sowieso grundsätzlich komisch. Zu komisch, um ernst genommen zu werden. Ich habe es doch selbst verbockt, dachte ich immer wieder, ich hätte nicht so viel sagen sollen, oder: Ich hätte nicht so viel trinken sollen, oder: Ich hätte vielleicht einfach mal nicht meine Meinung vertreten sollen.

Die Wahrheit ist: Ich glaube auch dann wäre es nicht unbedingt besser gewesen. Auch dann hätte ich meine Erfahrungen gemacht. Dann hätte es andere Dinge gegeben: Vielleicht wäre mein Kleidungsstil oder mein Gewicht in den Fokus gerutscht, wer weiß, irgendwas hätte sicher nicht gepasst.

Und: natürlich waren Konflikte beidseitig begründet, aber die Fairness suche ich im Nachhinein immer noch vergeblich. Anstatt sich auf Augenhöhe zu begegnen, merkte ich, wie ich immer wieder in die Rolle eines „kleinen naiven Mädchens“ rutschte, was mich wütend machte – die Wut aber machte es natürlich auch nicht besser, denn wütende Mädchen sind „gestört“ und „krank“. Ich möchte hier besser nicht ausführen, was ich mir anhören musste, als ein Konflikt tatsächlich mal eskalierte.

Ich habe wirklich sehr viele Jahre meines Lebens geglaubt, dass ich einfach sehr anstrengend und speziell bin. Ich habe sogar geglaubt, dass ich manchen Dingen einfach nicht gewachsen bin. Einfach nur durch männliche Zuschreibungen, sogar durch die meiner eigenen „Freunde“.  Ich habe geglaubt, dass ich nur ernst genommen werden kann, wenn ich gewisse Dinge tue, oder eben auch nicht tue. Dass es daran liegen könnte, dass ich eine Frau bin, kam mir erst sehr spät in den Sinn. Ich unterstelle nicht immer Absicht, schließlich leben wir alle in diesen oft unterschwelligen, aber mächtigen Strukturen, aber in einigen Fällen unterstelle ich die fehlende Bereitschaft, das eigene Weltbild mal zu hinterfragen. Ich unterstelle Bequemlichkeit – denn ein vollwertig gedachter Mensch weniger bedeutet auch weniger Stress. Für die Betroffenen bedeutet es allerdings: mehr davon. Eine Mehrbelastung. Vor allem greift es den Selbstwert an und führt oft zu ganz absurden Gedankengängen, ihr wisst schon, diese Kleinigkeiten, die das Aussehen und das Wirken betreffen. Vor allem in Freundeskreisen hat das nochmal einen stärkeren Effekt, denn es wirft die Frage auf, ob man denn überhaupt gut genug für die Leute ist, die dich mögen sollten und eigentlich gerne Zeit mit dir verbringen.

Ob es dafür eine Lösung gibt? Strukturen in Frage stellen. Immer und immer wieder.

Und auch: Immer und immer wieder mit Menschen über diese Erfahrungen sprechen. Allen voran Menschen, die zuhören. Und genau deshalb schreibe ich das hier alles auf. Denn meine Erfahrung ist eine Erfahrung unter Vielen – und je mehr Erfahrungen sichtbar werden, desto höher wird die Chance, dass Strukturen hinterfragt werden.

Ich für meinen Teil suche Freundschaften immer noch nicht nach Geschlecht aus. Ich halte mich an die, die mich als eigen- und vollständige Person anerkennen, mich ernst nehmen und mich richtig einbeziehen. Ohne mich ständig zu hinterfragen. Ohne jegliche meiner Launen, als Beweis eines schlechten Charakters zu sehen. Wie gesagt, die bei denen ich Mensch bin.

Über ‚falsche Sätze‘ und warum es wirklich einfach falsche Sätze sind

Letzten März erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Interview. „Der nichtdepressive Partner zerbricht leicht an der Belastung“ heißt die Überschrift, „Ein Gespräch über richtige und falsche Sätze, Selbstfürsorge und die Frage, wie man sich trotz all dem Schmerz nah bleibt.“, lautet der letzte Satz, den ich noch ohne Paywall lesen kann.

Wie es weiter geht weiß ich immer noch nicht. Als ich damals diese Überschrift las, musste ich lachen, ziemlich bitter, denn ich fühlte mich ziemlich verarscht. Der:die Außenstehende zerbricht also an der Belastung. Ok. Gut. Ich konnte nicht anders und machte mich darüber lustig, wofür ich ziemlich viel einstecken musste. Es ist wohl nicht gern gesehen, die xte Verständnislosigkeit, der man begegnet, durch den Kakao zu ziehen, während Achim sich lautstark darüber beschwert, dass seine Ex-Freundin nur nicht putzen wollte und deshalb die Depression als Ausrede nahm.

Aber darum soll es hier nicht primär gehen. Der eigentliche Grund, warum ich das hier schreibe, ist die Formulierung der „falschen Sätze“. Es ist eine kleine Formulierung aus zwei Wörtern, die nicht unbedingt viel aussagt, aber für mich als Betroffene steckt dahinter eine ganze Attitüde. Eine Attitüde, die mir schon sehr oft begegnet ist. Hinter dieser falsche-Sätze-Formulierung steckt nämlich diese Aussage: „Nichts kann man dir sagen! Du bist nicht kritikfähig!“

Und diese Aussage ist auf der einen Seite sehr problematisch; auf der anderen Seite ist sie haltlos.

Hier müssen wir ein bisschen ausholen, damit es auch jede Person versteht:

Menschen, die eine psychische Erkrankung, beziehungsweise eine Depression nicht nachvollziehen können, halten sich – bewusst oder unbewusst – für die „vernünftigere Instanz“, eben die Instanz, die „irgendwas besser verstanden hat“. Das ist erstmal nicht weiter schlimm, denn so denkt eben diese ganze Gesellschaft: Wer mit einer Depression zu kämpfen hat, macht irgendwas nicht so ganz richtig. Und genau da beginnen die Probleme.

Dass eine Depression eine ernsthafte Erkrankung ist, die durch Genetik, Traumata, Lebensumstände, oder alles zusammen ausgelöst werden kann, wissen mittlerweile schon sehr viele Menschen. Allerdings führt das nicht unbedingt dazu, dass der Mythos der „Einstellungssache“ verschwindet. Es führt erstmal dazu, dass die breite Masse glaubt, es läge komplett in der Verantwortung der:des Betroffenen, die Depression in den Griff zu bekommen. Als wäre es eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft und den Mitmenschen.

Die Depression wird oft mit einem gebrochenen Bein verglichen: „Wenn du ein gebrochenes Bein hast, gehst du doch auch zum Arzt, dasselbe gilt für die Depression.“ Auf dieser Ebene ist der Vergleich sinnvoll und angebracht, aber es scheint mir doch oft so, dass er auf den Heilungsprozess übertragen wird und da ist er ungefähr so vielschichtig, wie der Raum zwischen Tapete und Wand. Sich auf die Heilung eines gebrochenen Beines zu konzentrieren, ist in dieser Gesellschaft weniger ein Problem: Es ist ein sichtbarer „Ausfall“, um im Arbeitsjargon zu sprechen. Ein Ausfall, der jedem Menschen – ohne dass er sein Köpfchen zum Denken oder Differenzieren benutzen müsste – schnell klar ist. Zudem lässt er sich zeitlich vorhersagen. Zumindest grob.

Bei einer Depression ist Beides nicht der Fall. Sie wird nicht gesehen – und wie lange der Heilungsprozess dauert ist einfach nicht absehbar, denn eine Depression verläuft nicht linear, sie ist holprig, voller Stolpersteine und manchmal geht sie nur, um irgendwann wieder zu kommen. Das passt vielen Außenstehenden einfach nicht. Getrieben von der Einstellung, dass Menschen nur lügen und Ausreden erfinden, um faul sein zu können, ziehen sie gerne falsche Schlüsse wenn eine psychische Erkrankung ins Spiel kommt. Sie sehen, wie ein Mensch nicht ständig im Bett liegt, zur Arbeit oder feiern geht, sie sehen wie der erkrankte Mensch Dinge tut, die mit einem gebrochenen Bein, oder einer ausgewachsenen Grippe nicht möglich sind und schon sind die längst vergrabenen Detektiv-Träume aus der Kindheit höchst aktuell: sie sind etwas ganz Heißem auf der Spur! Sie riechen unberechtigte Bequemlichkeit und unverdienten Spaß – wirklich ein Unding, während alle anderen fleißigst ihre Pflichten erfüllen. Da muss geschwind wieder Gerechtigkeit hergestellt werden! Und so machen sie sich auf die Suche nach Beweisen, dass die Depression entweder erstunken und erlogen ist, oder doch eigentlich gar nicht so schlimm. Und anstatt den eigenen Zustand, oder das eigene Leben in Frage zu stellen, da gegenüber einer kranken (!) Person Neid und Missgunst aufkommt, wird einfach – bequemerweise – weiter im muffigen und unreflektierten Weltbild gedacht. Eben in einem Weltbild, das die außenstehende Person legitimiert, weil sie gesund ist. Der gesunde Mensch ist der Mensch, der arbeitet, der angeblich etwas zur Gesellschaft beiträgt, der kranke Mensch, den alle anderen mittragen müssen und sich deshalb unsolidarisch verhält – wie passt das eigentlich zur Formulierung „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“, das gefühlt von selbiger Personengruppe immer wieder reproduziert wird?

Abgesehen von der Legitimation durch ihre eigene Funktionalität, fühlen sich nicht erkrankte Menschen auch in anderen Lebensbereichen als den grundsätzlich fähigeren Part. Egal, ob es jetzt ums Trauern oder ums Feiern geht: Der depressive Mensch macht grundsätzlich was falsch. Er fühlt falsch und denkt falsch. Das muss ihm gesagt werden. Eindringlich. Und oft wird das auch noch als selbstlose Aktion verkauft. „Dir wird es besser gehen, wenn du nicht mehr an die Vergangenheit denkst.“ klingt ja nach einer konstruktiven Lösung, oder? Genauso wie ein prophylaktisches „Steiger dich da aber jetzt bitte nicht zu sehr rein.“ Meint ihr nicht?

Während sich der:die Erkrankte – bestenfalls durch eine Therapie – innerlich schon sehr differenziert mit der Gedankenlast auseinander setzt und versucht, Strategien zu entwickeln ihr adäquat zu begegnen, kommen nebenher auch noch solche „Lösungen“ eingetrudelt, die eher wie ein Geisterfahrer fungieren, anstatt dass sie voranbringen. Sie sind wie ein plötzliches Hindernis bei voller Fahrt, sie sind nicht ungefährlich und können Einiges anrichten. Sie können Fortschritte verzögern, oder sogar wieder zunichte machen. Sie zehren Energie. Und die einzige Antwort, die es darauf gibt, ist: „Egal was man sagt, es ist immer falsch!“ Ein Vorwurf also. Danke.

Der depressive Mensch ist in seinem Umfeld also nicht nur aufgrund der Depression eine Belastung, sondern auch, weil er auf entsprechendes Verhalten eben auch entsprechend reagiert. Natürlich zerbricht man daran sehr leicht. Verständlich. Im Gegensatz zu immer wiederkehrenden unterschwelligen Äußerungen, dass man im depressiven Zustand sowieso die Dinge nur falsch macht und nicht wirklich ein eigenständiger Mensch sei, der das Recht hat sich zu wehren, sind das natürlich die „richtigen“ Probleme. Ich möchte ungerne in richtige und falsche Probleme unterscheiden, aber als selbst Betroffene kann ich sagen, dass die (durch Außenstehende so bezeichneten) „richtigen Probleme“ ein sehr unangenehmer Begleiter werden können. Denn trotz der Belastung, die alleine schon durch die Depression da ist, trotz der ständigen inneren Regulierung, die vollzogen wird und trotz aller anderen möglichen Zwickmühlen, die dieses Leben so bereit hält, haben wir depressiven Menschen anscheinend keine richtigen Probleme. Und hier sind wir wieder bei der unterstellten Unfähigkeit angelangt, die sich, wenn wir sie ansprechen zu einer Kritikunfähigkeit wandelt. Ein Teufelskreis.

Man wird schnell arrogant gesprochen, wenn man keine Lust hat, die gleichen Sätze immer wieder zu hören, wenn man einfach keine Energie mehr aufbringen kann, sich ständig zu rechtfertigen, ständig Rede und Antwort zu stehen, warum man denn jetzt nicht so ist, wie die Mitmenschen es sich zusammengesponnen haben. Man ist schnell der:die Egoist:in. Die Positionen werden verdreht. Als depressive Person ist man auf einmal der Bösewicht, der Klotz, der Mensch, der alles schwierig macht und alles zerstört. Das ist ungefähr so, als würde man dem Menschen mit der Krebserkrankung diese Vorwürfe machen: sie sind absolut unangebracht und daneben. Aber das ist irgendwie nicht in unserem ungeschriebenem gesellschaftlichem Regelwerk festgeschrieben. Eher unangebracht ist die Depression. Depressionen haben gehört sich nicht.

Ob die Psychologin im Interview der Süddeutschen darüber gesprochen hat, dass gewisse Dinge einfach nicht gesagt gehören – auch nicht bei psychisch Erkrankten – , oder ob es lediglich darum ging, dass depressive Menschen gewisse Aussagen nicht verkraften, weiß ich nicht. Es wäre jedoch nicht verwunderlich, wenn es wieder nur darum ginge, dass „Ehrlichkeit in diesem Zustand einfach nicht geht.“ Dass es sich meist nicht um Ehrlichkeit, sondern um Zuschreibungen, die nicht auf Augenhöhe passieren, geht, scheinen wirklich sehr viele Menschen einfach nicht verstanden zu haben. Immer noch nicht. Das geht von Angehörigen, bis hin zu Fachleuten. Es scheint wohl sehr schwierig für den gesunden Menschen zu sein, zwischen zwischenmenschlichem Verhalten und Dingen, die einfach nicht seine Angelegenheit sind, zu unterscheiden. Als Betroffene:r findet man sich dann auf einmal in absurden Diskussionen, wie man denn jetzt die Töpfe eingeräumt hat, oder wo man denn hingucken soll, wieder.

Viele werden bei den „falschen Sätzen“ zuerst an vermeintlich gut gemeinte Ratschläge denken. Viele werden jetzt wieder mit der „guten Intention“ jegliche Kritik beiseite schieben. Aber das ist zu einfach – niemand sollte sich damit aus der Verantwortung ziehen können. Denn, auf der einen Seite frage ich mich schon lange, wie meine Mitmenschen immer wieder auf die Idee kommen, anderen Menschen ungefragt zu sagen, wie sie etwas machen sollten oder noch besser, was sie gerade nicht richtig machen und auf der anderen Seite handelt es sich nie nur um „Ratschläge“, sondern, wie ich hier schon anklingen habe lassen, oft auch um Zuschreibungen und Unterstellungen. Da kann es in Konfliktsituationen schon mal vorkommen, dass man auf einmal manipulativ gesprochen wird, dass Dinge nicht kommuniziert werden, weil der:die Betroffene „damit ja nicht umgehen kann und nur wieder Drama macht“, dass die Situationen für die Person bewertet werden und die eigene Einschätzung keine Rolle spielt.

Das ist meines Erachtens nicht einfach ein Fehlverhalten das aus Unwissenheit passiert. Mir ist es schon so oft untergekommen und ich habe schon so oft davon gehört, dass ich mittlerweile davon ausgehe, dass es sich Ignoranz handelt. Zu bequem ist doch die Position, die als fähiger gilt, zu unangenehm der Gedanke, dass man nicht der Mensch ist, der dieser Gesellschaft besser tut, zu einfach wirkt das konstruierte Leben ohne depressive Gedanken.

Als Betroffene bin ich ehrlich: Ich bin wütend. Sehr. Ich nehme es euch übel. Hört mit dieser Ignoranz auf. Fangt an nachzudenken. Es wird Zeit.

Die Entdeckung der Hyperaktivität

Meine Oma sagte mal, dass es sehr schlimm für Kinder sei, wenn Eltern oft umziehen. Ich fand das eigentlich gar nicht. Ich wünschte mir, dass wir umziehen. Sehr. Eingesperrt war ich. Ich war eingesperrt auf einem ganzen Dorf.
 
Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, aber als meine Oma das zu mir sagte, war sie aufgebracht. Sie war vorwurfsvoll. Denn kurz zuvor sagte ich: „Ich würde gerne so oft umziehen wie ihr es gemacht habt.“
Sie fand mich undankbar, erzählte mir, wie ihre Kinder darunter gelitten haben. „Jedes Mal hat deine Tante geweint, weil sie von ihren Freunden weg musste. Das ist ganz schrecklich!“, so in etwa musste sie es gesagt haben. Mein Gefühl dazu ist heute ein großes Fragezeichen. Nun, ich kann sie heute besser verstehen. Nicht, weil ich finde, dass sie eigentlich Recht gehabt hatte, eher weil ich herausgefunden habe was dahinter steckte.


Sie glaubte wahrscheinlich, dass das Konstante die Rettung gewesen wäre. Die Sicherheit. Immer und immer wieder die gleichen Straßen, derselbe Supermarkt, immer dieser eine Spaziergang. Ein Paradies für die die angekommen waren und die Hölle für mich.

Seitdem ich kein Kind mehr war, war ich gerne unterwegs, ich war gerne auf dem Weg. Es beruhigte mich. So eine Zug- oder Busfahrt öffnete eine Tür in mir, wenn nicht sogar ein schweres eisernes Tor – eine Menge ließ es frei. Vor allem eine Menge Worte. Und wenn ich ankam war da etwas vollkommen Neues. Ich war süchtig nach diesem unbeschriebenen Blatt Papier, dem unberührtem Weiß. Ich sehnte mich danach, nicht gekannt zu werden, anonym zu sein, untergehen zu können.
Die Konstante machte mir Angst. Ich erschauderte, sobald ich an die Zukunft dachte, diese starre und stetige Zukunft, die mich eher an die Gegenwart, die Vergangenheit erinnerte, als dass sie Hoffnungen schürte.  Gleichzeitig wartete ich sehnsüchtig auf sie. Vielleicht war ich zu pessimistisch? Das ist mir schon mal passiert, aber ich erinnere mich nicht daran und es waren nur kleine Dinge. Mein Lieblingseis war nicht ausverkauft – obwohl es im Angebot war. Diese kleinen Dinge.
Aber meine Zukunft erschien mir zu wichtig und groß für Optimismus. Wichtige und große Dinge passieren nicht mit dem größten Glück. Zumindest nicht mir.
 
Deshalb ging ich in dem Moment, in dem ich konnte.
Ich war weg.
 
Ich war auf dem Weg.
 
Was ich nicht wusste: Ich war nicht dort, um mich nieder zu lassen. Nicht um anzukommen. Ich bin immer noch auf dem Weg. Und nicht nur in diesem Großen was sich mein Leben nennt. Ich bin immer auf dem Weg und selten angekommen. Wenn ich bleibe, dann nicht lange und nicht kurz. Ich gehe wieder weiter, einfach weiter. Als könnte ich nicht aufhören und ich kann jetzt noch nicht einmal sagen, ob es je aufhört. Und so bleibe ich auf dem Weg.

Der Alkohol und wir – eine toxische Beziehung.

Und so saß ich da in der Runde, am Morgen danach. Ich war weniger verkatert als ich dachte, ein wenig platt – und müde. Niemand sage was dazu, zu mir, zu dem was gestern passiert ist. Es war als wäre nichts gewesen, aber nicht im guten Sinne – das Schweigen fühlte sich an wie Eiseskälte. Eine Eiseskälte, die nun im Raum stand und seitdem nie wieder wirklich verschwand. Ich fragte nach meinem Handy und stellte eher zufällig fest, dass mich eine Person – die mir in diesem Moment gegenüber saß – direkt aus ihrem Social Media gelöscht hatte.

Ich war aggressiv geworden, verbal aggressiv – so aggressiv wie man mit 56 Kilo Körpergewicht wirken kann: nicht besonders beeindruckend.

Sowas war mir noch nie passiert. Blamiert habe ich mich natürlich schon mal, wenn Alkohol im Spiel war, das lag aber hauptsächlich daran, dass mich Alkohol redselig machte, sehr redselig. Aber nie war ich aggressiv. Davor nicht und danach auch nicht wieder.

So saß ich also auf einem Festival, in einer Runde, die als Außenstehende mein gruseligstes Erlebnis mit Alkohol mitbekommen hatten. Für sie war es klar: Mit der stimmt was nicht. Sie hätte sich besser im Griff haben sollen, es waren doch nur ein paar Bier.

Für mich war die Sache absolut nicht klar. Ich konnte das alles nicht mit mir selbst in Verbindung bringen. Noch heute fühlt es sich so an. Die Erinnerung ist für mich nur in dem Sinne greifbar, als hätte man mich in eine Puppe gesteckt, die aussieht wie ich und für mich interagiert.

Mit den Menschen, mit denen ich dort war habe ich kaum noch was zu tun. Ich möchte sie nicht dafür verurteilen, dass sie nicht wussten wie sie mit mir umgehen sollten. Dennoch fragte ich mich sehr oft, warum dieser Abend direkt komplett auf meine Person projiziert wurde, sogar auf meine nicht-alkoholisierte, nüchterne. Sie ließen die Sache auf sich beruhen und machten sich, ohne mich zu fragen, wie es mir eigentlich damit ging, ihr eigenes Bild. Noch heute habe ich das Gefühl, dass sie dachten, ich hätte ein bisschen Apfelsaft getrunken und mich bewusst dazu entschieden so zu sein.

Für mich war diese Sache ein signifikantes Erlebnis, das mir zeigte, wie paradox und toxisch unser Verhältnis zu Alkohol ist. Überall verfügbar, aber wenn beim Konsum etwas schief geht, liegt es vor allem am Trinkenden selbst.

Statistiken

Aber nähern wir uns dem Alkohol erstmal sachlich, bevor wir unsere toxische Beziehung mit ihm zerpflücken:

Deutschland gilt als Hochkonsumland, das heißt, der Pro-Kopf-Alkoholkonsum reinen Alkohols, ist deutlich höher als der Durchschnitt der OECD-Länder – der lag nämlich 2019 bei 8,9 Litern pro Kopf, in Deutschland waren es 10,9 Liter. Das ist auch gar nicht so überraschend, denn gut 70 Prozent der Deutschen haben innerhalb der letzten 30 Tage Alkohol getrunken und das ist eine Zahl die nur die Menschen zwischen 18 und 64 betrifft, was bedeutet: die absolute Mehrheit in Deutschland trinkt Alkohol, ist also nicht abstinent. Wenn wir bei den 18- bis 64-jährigen bleiben, haben wir davon 6,7 Millionen, die riskante Mengen trinken, also so, dass sie ihre Gesundheit gefährden. 1,4 Millionen Menschen betreiben sogenannten Alkoholmissbrauch: der Konsum weicht von der sogenannten Norm einmalig oder wiederholt ab (beispielsweise das sogenannte Flatrate-Saufen). Abhängig sind 1,6 Millionen Menschen. Bezogen auf Deutschland klingt das erstmal wenig, aber wir sprechen hier nur von einer bestimmten Altersgruppe, heißt: Minderjährige und Menschen über 64 sind nicht miteingeschlossen.1 (Die Zahlen gelten für 2019). Und als wäre das nicht genug, gibt es auch noch eine bittere Zahl: 200 Menschen sterben täglich an den Folgen ihres Alkoholkonsums, dazu gehört zum Beispiel auch die Trunkenheit am Steuer. Man muss also nicht unbedingt abhängig sein, um in dieser Statistik zu landen. Besser macht es das nicht, denn das zeigt uns wie viel Einfluss dieser Stoff auch auf unser Leben und Sterben hat.

It’s getting toxic

Bewusst ist uns das allemal, trotzdem gehört die Droge Alkohol zu unserem Alltag. Neben Gaststätten, Restaurants und Cafès, die den ganzen Tag selbstverständlich Alkohol ausschenken, scheint man auch in der Uni-Mensa, vor dem Vorlesungssaal oder sogar bei Einschulungen nicht darauf verzichten zu können. Aber sind Uni und Einschulung nicht etwas, wo man lieber nüchtern bleiben sollte?

Absolut. Und genau hier wird es toxisch.

Während man also fast überall ohne Probleme an Alkohol herankommt (quasi unterbewusst vermittelt wird: Das ist komplett normal!), werden alkoholkranke Menschen stigmatisiert und entmenschlicht.

In meiner nicht repräsentativen Instagram-Umfrage gaben 21 Prozent (also 12 von insgesamt 58 Menschen) an, jemanden weniger ernst zu nehmen, wenn sie bemerken, dass der:diejenige sein Trinkverhalten nicht sonderlich im Griff hat. Das hängt höchstwahrscheinlich damit zusammen, dass Trinkverhalten in unserer Gesellschaft mit Disziplin und Eigenverantwortung gekoppelt ist. Ob diese Einordnung allerdings richtig ist, ist fraglich. Auf der einen Seite gibt es Vermutungen von einem Alkohol-Gen2, auf der anderen Seite sollte man sich fragen:

Kann ich einen Menschen dafür verurteilen, dass er sich mit seinem Alkoholkonsum „nicht genug im Griff“ hat, wenn dieser Stoff überall so selbstverständlich behandelt wird? Einen Stoff mit einem Suchtpotenzial, das mit dem von Heroin3 vergleichbar ist?

Eine Sucht ist eine Krankheit, die gesellschaftlich auch wie eine Krankheit behandelt werden sollte, aber vor der Sucht kommt der Missbrauch, der riskante Konsum und gerade der wird doch noch verstärkt. Als Mensch mit großem Suchtpotenzial ist es fast unmöglich dem Alkohol aus dem Weg zu gehen – soll sich also jemand, der auf seinem besten Weg in die Sucht ist, einfach isolieren? Soll also jemand, der wahrscheinlich sowieso schon depressiv ist, nicht mehr wirklich die Möglichkeit haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen? Und dazu: Müssen wirklich Leute gezwungen werden, zu erlügen, warum sie sich jetzt zur Einschulung kein Gläschen Sekt genehmigen?

Zurück zu meinem Erlebnis auf dem Festival: Mittlerweile kann ich es einordnen. Es war zu einem Zeitpunkt, der von vielen negativen Umbrüchen geprägt war, ich war mit den meisten Menschen, die mit dabei waren, nicht auf einer Wellenlänge und es ergab sich zusätzlich zu meinem alkoholisierten Ich eine extrem stressige Situation, die alles auslöste. Es gibt eine Erklärung für diesen merkwürdigen Zustand in dem ich da war. Aber diese Erklärung deckt sich nicht mit dem, was ich eigentlich über Alkohol gelernt habe: nämlich dass es sich um eine scheinbar alltagstaugliche Droge handelt.

Was mich an der Geschichte allerdings am meisten schockte war nicht nur meine Alkoholreaktion, nein, es war der Stempel, der Stempel der mich in der Runde zu einer mit einem kleinen Alkoholproblem machte – und das obwohl ich nicht wirklich regelmäßig Alkohol trinke. Ich sollte mich schämen, mich schlecht fühlen, ich hatte mich ja nicht im Griff – die, die aber dauerhaft und regelmäßig tranken bekamen diesen Stempel nicht, denn sie sind so an den Alkohol gewöhnt, dass sie nicht merkbar darauf reagieren. Es hing also alles an der Reaktion.

Alles was ich bis jetzt von Alkohol mitbekommen oder über Alkohol gelernt habe, ist höchst paradox und widerspricht sich: eine Droge, mit Heroin vergleichbar, aber ganz alltäglich. Jedes gesellschaftliche Event wird mit Bier und Sekt gefeiert, aber es soll bitte keiner betrunken sein. Wir wissen, wie schlimm eine Alkoholsucht ist und machen uns trotzdem über ihre daran Erkrankten lustig, ächten sie, schließen sie aus. Vielleicht ist es an der Zeit, dies alles mal zu überdenken, nicht nur als Gesellschaft, sondern auch als Individuum.

Happy 420!

Quellen:

1 https://www.kenn-dein-limit.de/alkohol/alkoholwissen-kompakt/

2 https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Die-Sucht-liegt-in-den-Genen-249603.html

3 https://www.internisten-im-netz.de/aktuelle-meldungen/aktuell/suchtpotenzial-von-alkohol-wie-bei-heroin.html#:~:text=Das%20Suchtpotenzial%20von%20Alkohol%20ist,vergleichbar%20mit%20dem%20von%20Heroin

Warum die Online-Uni für mich als Adhslerin so schwierig ist.

Die Zeit, die schon immer gegen mich zu spielen schien, hatte sich nun noch mehr gegen mich verschworen. Sie war von einer zeitlosen Ungewissheit in ein Rasen übergegangen.

Alles verschwimmt an mir vorbei; ich komme nicht mehr hinterher. Es ist, als müsste ich wieder auf ein immer schneller fahrendes Karussell aufspringen. Ein Karussell, das vor ein paar Sekunden noch langsam und gemächlich lief.

Und dann muss ich mich auch noch für einen Waggon entscheiden. Aber jeder Waggon scheint doch so wichtig, jeder Waggon sollte als erstes bestiegen und ausgekostet werden.

Aber ich starre nur. Ich starre auf all die Farben die sich immer mehr und mehr vermischen. Manchmal erhasche ich einen kleinen Blick auf etwas, etwas mit Form; ich kann mich gerade noch daran festhalten, nur um im nächsten Moment wieder bei noch vollerer Fahrt aus diesem Karussell herausgeschleudert zu werden.

So könnte man beschreiben, wie es mir zurzeit geht. Das Karussell ist für mich nicht zu fassen. Und es besteht aus Zoom-Meetings und Online-Angeboten. Ich stecke irgendwie immer noch in einer nicht-virtuellen Welt von davor. Das, was am Wichtigsten in meinem Leben ist, findet jetzt online statt. Und es überfordert mich heillos.

Nach einer ganzen Weile neu aufflackernder Depressionen mit Versinken und Selbstzerstörung, schaffe ich es nach und nach, mich wieder hochzuziehen. Motivation und Abgründe liegen in diesen Tagen so nah beieinander, dass ich sogar selbst nicht sagen kann, wie es mir eigentlich geht. Das Einzige was ich sagen kann ist: Ich hetze allem hinterher, komme nicht wirklich zur Ruhe und spüre mein ADHS so bewusst wie noch nie.

Hier machen wir mal ein kleinen (holprigen) Ausflug in die Neurobiologie der ADHS: Bei einer ADHS baut sich das Dopamin im Gehirn viel schneller ab, als bei neurotypischen Menschen. Und Dopamin regelt so Einiges; darunter auch die Stabilität der Stimmung, sowie die Motivation und auch die Konzentration. Auch das Noradrenalin, welches ebenfalls die Motivation fördern soll und dessen Mangel Gedächtnisstörungen hervorrufen soll, ist nicht ausreichend an richtiger Stelle vorhanden.

Kurz kann man dazu sagen, dass ein Zusammenspiel dieser Botenstoffe im Gehirn beeinträchtigt ist.

Und genau so fühlt sich mein Kopf generell an. Wenn ich bewusst darüber nachdenke, fühlt sich mein Gehirn manchmal so an, als wäre es einfach eine Menge an Legosteinen, die immer wieder neu zusammengesetzt werden, nur fällt es mir manchmal schwer, diese Legosteine richtig zu ordnen. Und gerade liegen diese Legosteine einfach nur verteilt herum und versuchen ein sinnvolles Konstrukt zu errichten, was nicht wirklich gelingt.

Es fällt mir schwer Prioritäten zu setzen, sowieso schon. Jetzt gerade kann ich es wirklich gar nicht mehr. Ich schreibe ständig neue Zettel und Listen; ständig kommt etwas Neues drauf, etwas Unerledigtes runter. Manches wird vergessen.

„Ach ja, da war doch was!“, war ein Satz, den ich zu oft gedacht habe, die letzten Wochen. Ein Seminar habe ich bereits abgebrochen.

Mir fehlt eine Abgrenzung. Da ist vielleicht mein Nebenjob, aber das war es auch schon. Ich hatte nie eine Tagesstruktur, aber eine Art Wochenstruktur. Und die lebte unter anderem davon, dass ich für Vieles meine Wohnung verlassen musste. Und auch ohne großartig viel Planung und Aufschreiben (meinen Kalender habe ich leider sehr schnell wieder schleifen lassen), hat alles einigermaßen funktioniert. Auch, weil ins Seminar laufen eine Art ‚Event‘ war. Jetzt muss ich einfach nur noch auf einen Link klicken.

Während ich damit beschäftigt bin, ständig darüber nachzudenken, was ich wann tun sollte und was jetzt wichtig wäre, rauscht alles irgendwie an mir vorbei und geht ohne mich weiter. Meine Botenstoffe sorgen zu gerne dafür, dass sie eine Verpflichtung zu einem freiwilligen Event machen. Mein Gehirn scheint auch irgendwie generell sehr schwer zu begreifen, dass Zoom-Meetings tatsächlich eine ernste Sache sind und Präsenzveranstaltungen ersetzen.

Aber das ist alles nicht so schlimm, wenn man die Gefühle, die dadurch entstehen, außer Acht lässt. Vor allem, die, die durch die Vorwürfe entstehen, die man sich selbst macht.

Du kannst nicht einfach mal auf einen Link klicken? Du warst letztes Semester auch fähig dazu, einfach mal einen Text zu lesen? Warum packst du das jetzt nicht? Und warum vermeidest du alle Online-Meetings, die sich vermeiden lassen? Es war nie so schlimm, wie du es dir vorgestellt hast! Wieso guckst du nicht einfach diesen interessanten Stream? UND WARUM HAST DU IN FREIEN ZEIT NICHT EINFACH GESCHRIEBEN? SO WIE DAS ALLE, DIE GERNE SCHREIBEN MACHEN?

Ich könnte ewig so weiter machen. Ich fühle mich nach langem wieder, als hätte man mich in meine Teenager-Zeit zurückversetzt, die hauptsächlich von zwei Fragen an mich selbst geprägt war: Warum bin ich so? und Warum mach‘ ich es nicht einfach?

Zusammen mit dem Gefühl, ständig etwas zu verpassen (das auch so bei mir gerne ab und zu vorhanden ist), verbindet es sich zu einer Art Gedankenwand in meinem Kopf, die für meine mentale Gesundheit nicht wirklich förderlich ist und mich auf der Stelle treten lässt.

Und auch wenn man meinen möge, eine Adhslerin sei flexibel, weil sich die Symptome danach anhören, ist eher das Gegenteil der Fall: es ist wahnsinnig schwer, Strategien, die wirklich funktioniert haben, in kürzester Zeit umzudenken. Es benötigt viel Zeit, wieder Mechanismen zu finden, die sich gut anfühlen und auch der ADHS gerecht werden (ich habe die Befürchtung, bis dahin ist die Online-Uni wieder Geschichte).

Eigentlich kann man sagen, Online-Uni ist für AdhslerInnen, als würde man eine Alkoholikerin oder einen Alkoholiker in einen Schnapsladen setzen und ihm sagen, er solle kontrolliert trinken – es kann nicht wirklich gut gehen.

Ich versuche mein Bestes. Es ist schwierig mir das selbst zu glauben, es ist schwierig, mir selbst zu sagen, dass es schon okay ist, denn ich muss auch noch gegen eine Horde zickiger Botenstoffe ankämpfen, die bei den meisten Menschen das tun, was sie eigentlich tun sollten.

Es ist die Akzeptanz dessen, die es leichter macht und diese Akzeptanz ist schwer zu erlernen. Und wie schwer es ist, merkt man erst in Ausnahmesituationen, die einen wieder ins Straucheln bringen. Das ist gewiss.

Das „Irgendwie“-Semester.

Ich habe ja ein wenig gehofft. Nein, eigentlich habe ich viel zu viel gehofft: Es lag wahrscheinlich an dem offenen Brief, den drei Professorinnen ins Leben gerufen hatten und bis jetzt knapp 14.500 UnterzeichnerInnen gefunden hatte. In diesem Brief ging es darum, das Sommersemester 2020 zu einem Nullsemester zu machen, ein durch und durch sinnvoller Vorschlag. Der ignoriert wurde.

Am 01. April bekamen wir die Mail: Das Semester startet sicher zum 20. April. Ausschließlich virtuell. Erstmal.

Eine Nachricht, die ich zugegebenerweise erwartet, aber mir nicht erhofft hatte. Dies lag vor allem an diesem offenen Brief, den die Professorinnen Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky, Dr. Andrea Geier und Dr. Ruth Mayer initiiert haben. Darin fordern sie ein sogenanntes „Nicht-Semester“. Die Lehre soll zwar formal stattfinden, das Semester aber nicht zählen. Befristete Verträge sollen verlängert werden. Als Gründe führen sie unter anderem generelle prekäre Beschäftigungsverhältnisse in Forschung und Lehre, sowie die neue ungewisse Situation vieler (vor allem ausländischer!) Studierender auf. Angesichts der Krise, der wir jetzt begegnen müssen eine vernünftige Idee, jedoch eine Option, die wieder einmal fallen gelassen wurde. Wieder einmal die fairste Option, die fallen gelassen wurde.

Wie bei den diesjährigen Abiturprüfungen, die mit aller Gewalt doch für alle stattfinden werden, soll auch das Sommersemester 2020 mit allem Drumherum durchgezogen werden. Ausnahmen gelten für Veranstaltungen, die nur in der Praxis stattfinden können.

Ich frage mich, was das soll. Seien wir mal ehrlich: was die Digitalisierung angeht, sind unsere deutschen Universitäten im Schnitt nicht sonderlich gut ausgestattet. Die digitalen Meetings, an denen ich bis jetzt teilhaben durfte, waren eine qualitative Katastrophe – und ich habe nicht einmal eine schlechte Internetverbindung. Wie sollen da bitte Seminare, die auf einer Interaktion zwischen Lehrenden und Studierenden beruhen, stattfinden?

„[…]die Hochschulen müssen auf den überstürzten Takt der öffentlichen Entwicklungen und Maßnahmen mit Entschleunigung reagieren (können). Daher rufen wir dazu auf, das Sommersemester 2020 nicht als ‘business as usual’ laufen zu lassen.

Wenn wir als Lehrende konstruktiv und im Sinne der Studierenden agieren wollen, kann es nicht darum gehen, so schnell wie möglich den Status quo des herkömmlichen Lehr- und Prüfungssystems online wiederherzustellen.“

…heißt es im Brief. Besser könnte ich es nicht ausdrücken.

Leider wird das Semester aber doch nur „irgendwie“ stattfinden.

In den letzten Wochen habe ich es immer wieder mal gelesen; auf Social Media, in Zeitungsartikeln; in den Nachrichten habe ich es sogar sagen hören: Vielleicht ist eine Entschleunigung ganz gut. Für die Hochschulen gilt das allerdings offenbar nicht. Hauptsache wir haben ein „ganz normal studiertes“ Sommersemester 2020 vorzuweisen. Diese Entscheidung ist eine absolute Katastrophe – denn sie zeigt uns wieder: Es gilt das Recht des Stärkeren.

Ich denke da nicht nur an Studierende, die jetzt in eine fast unlösbare finanzielle Notsituation geraten sind, sondern auch an die, die direkt von Corona betroffen sind, vielleicht eine*n Angehörige*n durch das Virus vielleicht sogar verloren haben, an psychisch Erkrankte Studierende, die durch die Krise mit ganz neuen seelischen Belastungen zu kämpfen haben und die erst einmal das in den Griff bekommen müssen.

Ich selbst merke, wie mir das jetzt schon alles zu Kopf steigt. Für eines meiner Studienfächer habe ich die Seminaranmeldungen verpasst, weil die Daten genau auf einem Portal hochgeladen und publiziert wurden. Und dieses Portal nutzt kaum einer regelmäßig. Dank Windhundverfahren (worüber ich ein seitenlanges Wut-Essay schreiben könnte) mache ich jetzt entweder ein theaterwissenschaftliches Seminar, obwohl ich eher medienwissenschaftlich orientiert bin, oder ich warte ein Jahr.

An unserer Uni gibt es schon jede Menge Portale, jetzt kommt mit Zoom noch eines dazu und die Seite auf der die Lernmaterialien hochgeladen werden, läuft jetzt schon nicht flüssig. Für mich als ADHSlerin eine absolute Katastrophe; ein wahres Futter für meine Unsortiertheit. Hinzu kommt, dass ich wieder mit psychischen Belastungen zu kämpfen habe, die ich für überwunden gehalten habe. Meine Depression schneite in letzter Zeit wieder öfter vorbei und sagte: Es wird nie wieder gut.

Natürlich könnten die direkt Betroffenen ein Urlaubssemester einlegen, aber auch dafür braucht man Gründe. Und wie will man beweisen, dass man durch die Krise an einer Depression erkrankt ist, wenn schon ohne Krise die Wartezeit auf ein Erstgespräch viel zu lange dauert? Gerade jetzt, wenn es vermehrt Depressionen und Suizide gibt?

Und was ist mit denen, deren Wohnverhältnisse ein vernünftiges Lernen nicht zulassen? Haben die jetzt Pecht gehabt?

Die Entscheidung wirkt jedenfalls so: Wer damit nicht klar kommt, hat eben Pech gehabt. Zwar wird natürlich beteuert, dass keine Nachteile entstehen sollen, aber ich habe wenig Hoffnung, dass das in der Praxis funktioniert. Es wird Leute geben, die durch alle Hilfsraster fallen – und wenn es auch nur eine einzige Person wäre, es wäre eine Person zu viel.

Es wurde wieder im Sinne der Leistung entschieden. Und Leistung ist gerade eben nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist gerade, einen vernünftigen Umgang mit dieser Krise zu finden.

Professor Dr Herbert Woratschek von der Uni Bayreuth sieht das ganz anders als ich. Allerdings scheinen seine einzigen Argumente die zu sein, dass es andere eben noch schlimmer hätten und wir nicht jammern sollten. Etwas, was ich zum Thema Abiturprüfungen übrigens auch sehr oft lesen musste. „Andere schaffen es auch! Wir haben es auch geschafft! Alles nur Gejammer!“ Es beschlich mich sogar das leichte Gefühl, dass unterstellt wird, sich alles möglichst bequem zu gestalten.

Dr. Woratschek schafft hier etwas Ähnliches:

„Insbesondere die Begründungen der Verfasser des offenen Briefes treiben mir die Schamröte ins Gesicht:

„Zusätzlicher Aufwand für Lehrende und Verwaltung“: Was bedeutet dies schon angesichts der Leistungen im Gesundheitssystem? Wenn man bedenkt, welche zusätzlichen Leistungen auf unsere Pfleger, Ärzte, Polizisten, Politiker und viele andere in der Corona-Krise schultern müssen, sollten wir Forschende und Lehrende auch unseren Beitrag leisten.“

In diesem Zitat bezieht er sich nicht auf Studierende, allerdings frage ich mich, was er sich dabei gedacht hat – schließlich ging es in dem offenen Brief genau darum: sich im Sommersemester 2020 auf die Veränderungen, die die Corona-Krise mit sich bringt,  in einer vernünftigen Art und Weise einstellen zu können und nicht eine Lehre um der Normalität Willens ohne Rücksicht auf Verluste durchzudrücken.

Es ist ein Armutszeugnis, dass dies jetzt doch passiert.

Dieser Artikel erschien zuerst in gekürzter Form auf: V – das Studimagazin.

Mein Leben ohne Diagnose, mein Leben als Problemkind.

In diesem Sommer werde ich 26 und in diesem Sommer wird meine ADHS-Diagnose 2 Jahre alt. Ja, das ist wirklich gar nicht so lange her. Vor allem nicht, wenn man bedenkt, dass ich schon in meiner Kindheit Symptome hatte: Ich war verträumt, bin im Unterricht einfach aufgestanden, manchmal ohne wirklich darüber nachzudenken, war immer eine der Langsamsten und war grundsätzlich ein Problemkind.

Dafür war ich allerdings auch immer mit einer Sensibilität ausgestattet, die mit dieser negativen Resonanz darauf nicht umgehen konnte. Ich habe ziemlich lange nach einem Platz gesucht, nach einem festen Platz in einem Freundeskreis, einem Platz, an dem ich selbstverständlich wäre. Stattdessen habe ich mich immer gefragt, was denn mit mir nicht stimme und ob ich einen komischen Knoten in meinem Kopf habe. Apropos Kopf: Der war dazu noch mit einer Fantasie-Welt ausgestattet, in der ich – Überraschung – ein ganz normales Mädchen war. Ohne „die Komische“ zu sein.

„Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“, lautet ein Sprichwort. Bei einer ADHS heißt es aber: Was ich nicht weiß, macht mich krank.

Die möglichen Folgen einer unbehandelten ADHS habe ich am eigenen Leib zu spüren bekommen: mit 16 wurde mir meine erste depressive Episode diagnostiziert, wegen einer zweiten war ich sieben Jahre später in einer Tagesklinik. Noch heute habe ich Probleme mich selbst als selbstverständlich zu nehmen, mich selbst als berechtigten Part, in egal welchem Umfeld, zu sehen. Man merkt es mir meistens nicht an: Aber in mir schlummert eine riesengroße Scham über mich selbst.

Was man mir allerdings anmerkt ist meine Wut. Mich bringen Kleinigkeiten in Bruchteilen von Sekunden auf die höchste Palme der Welt, aber richtig rauslassen kann ich sie auch nicht.

In einer Gesellschaft, in der Gefühlsausbrüche höchstens in Extremsituationen akzeptiert werden, ist das sehr von Nachteil. Und nicht nur das – irgendwann beschleicht dich langsam, aber sicher das Gefühl: Mit mir stimmt irgendwas nicht!

Mit AdhslerInnen stimmt natürlich alles und wenn man darum weiß, verlieren die Wutanfälle, die „komischen“ Verhaltensweisen ihren Schrecken, denn als AdhslerIn geht man symptombedingt mit vielen Dingen etwas anders um. Manche mögen das als eine Art Entschuldigung sehen. Eine Entschuldigung für Vergesslichkeit, eine Entschuldigung für die Verplantheit, eine Entschuldigung, um sich nicht anstrengen zu müssen. Aber eigentlich, eigentlich strengen sich AdhslerInnen sehr an.

Ich weiß nicht, wie oft mir vorgeworfen wurde, wie stinkend faul [sic!] ich denn sei, oder dass ich mich einfach nicht anstrengen will. Ich wurde von LehrerInnen bloßgestellt und meine Eltern dachten, ich bin ein Wildfang, der sich einfach nicht anpassen will. Ein bisschen stimmte das auch. Allerdings wollte auch ich einfach stressfrei meinen Weg gehen und mir ein Leben gestalten, mit dem ich auch glücklich war. Aber irgendwie hat es nicht ganz so funktioniert. Nicht nur, dass meine (sowieso unrealistischen) Vorstellungen nicht erfüllt wurden, nein, ich hatte nie das Gefühl, dass irgendetwas konstant funktioniert hat. Der Platz im Leben, den ich so dringend gebraucht hätte, war nonexistent. Nicht mal die Dinge, die mir eigentlich Spaß gemacht haben, habe ich wirklich durchgezogen. Das passiert mir heute noch. Ihr wisst gar nicht, wie viele Bücher und Filme, die mich extrem interessieren, ich noch nicht gelesen oder gesehen habe. Sie wurden unter Prokrastination der Prokrastination und flüchtig gesehenen YouTube-Videos begraben.

Paradoxerweise linderten sich manche Symptome, als ich dann meinen Alltag ganz alleine meistern musste, als ich selbst entscheiden konnte, wann und wie ich was mache. Ich wollte mein immer mal wieder vorhandenes Chaos zwar immer noch nicht akzeptieren, aber viele Dinge gingen einfach besser, ohne mahnende Stimme meiner Eltern; oder ohne LehrerInnen, die sehr im Sinne einer katholischen Mädchenschule an mir rumerziehen wollten. Einiges blieb aber.

Man sagt über AdhslerInnen, sie könnten sehr resilient sein. Es macht schon Sinn, wenn man so oft scheitert, dass man sich daran gewöhnt und einfach lernt, es zu vergessen – oder zu verdrängen. Doch meine Begeisterungsfähigkeit und mein Durst nach Neuem, nach einem ganz normalen Leben, haben mir eine Krücke gegeben, die ich nach und nach immer mehr realisiere. Eine sehr sehr wertvolle Krücke.

Als ich mein Abi gemacht habe – Schnitt 3,5 – habe ich erstmal ein Jahr in Münster studiert. Weil es nicht das war, was ich eigentlich machen wollte, habe ich mich auf die Suche nach Universitäten gemacht, die Medienwissenschaften ohne NC anboten. Ich bin in eine neue Stadt gezogen und dachte mir: Jetzt geht es los!

Dann ging es los und ich hatte dieselben Probleme wieder. Außerdem schlugen hinzu noch die Wunden, die eine dreijährige toxische Beziehung, die ich kurz vor dem Umzug beendet hatte, mit sich gebracht hatten, auf brutalste Art auf mich ein. Ich begab mich wegen Depressionen in Behandlung. Davor recherchierte ich ein wenig – die Zeitspanne bis zu meinem Termin dauerte mir zu lange, ich wollte mehr über das herausfinden, was in mir vorging. Genau weiß ich nicht mehr, wie ich dazu gekommen bin, aber jede Liste mit AD(H)S-Symptomen passte wie die Faust aufs Auge. Klar sollte man seine Symptome nicht unbedingt googlen, aber wenn man schon ein ganzes Leben mit sich lebt, kennt man auch seine Probleme. Und meine Probleme stimmten mit AD(H)S-Problemen überein. Ich bat meine damalige Psychiaterin mir einen Termin zu machen, um das sicher abklären zu lassen – eineinhalb Jahre später hatte ich meine zwei Termine. (Den ersten verschlief ich, weil ich bei meinem Wecker nicht auf speichern geklickt hatte.) Ich habe viele Fragen beantwortet, Grundschulzeugnisse eingesammelt, mein Umfeld mit Fragebögen über mich genötigt. Es war schon anstrengend. Ich erinnere mich noch, dass die betreuende Psychologin damals meinte, dass meine Grundschulzeugnisse schon sehr aussagekräftig seien. Eine Sache, die ich sehr hart fand. Wieso hat man es dann nicht einfach da schon bemerkt?

Am Ende stand die Diagnose fest. Und ich bin immer noch sehr glücklich darüber. Sehr. In den letzten zwei Jahren habe ich viel mehr über mich gelernt, als die gesamten Jahre davor. In letzter Zeit beginne ich, mich selbst mehr und mehr zu akzeptieren, meine Eigenheiten hinzunehmen und Strategien zu entwickeln, wie ich Dinge am Besten angehe. Ich fange nicht mehr an, alles hinzuschmeißen, wenn etwas nicht perfekt funktioniert, ich tue mir selbst besser.

Durch mein ADHS habe ich Vieles gelernt. Aber dieses Lernen kam auch erst mit der Diagnose. Deshalb ist die auch so wichtig. Es geht nicht darum, Menschen irgendeine Krankheit „einzureden“, was für ein Schwachsinn!, es geht darum, dass man sich selbst besser verstehen kann und es geht auch darum, die richtige Behandlung für sich zu finden.

In Doris Ryffel-Rawaks „ADHS bei Frauen“ las ich viele Geschichten Betroffener. Manche waren bis in ein hohes Alter davon überzeugt, dass sie halt einfach nicht so fähig waren. Das kann ein Leben zu einem unerträglichen Spießrutenlauf machen.

Ich frage mich, warum immer alle sagen, ADHS wird überdiagnostiziert. Ich habe nicht wirklich eine Ahnung, wie viele Diagnosen sich als falsch herausgestellt haben, aber Tatsache ist, dass gerade Frauen gar keine oder viel zu späte Diagnosen erhalten – dieses Thema wird noch einen eigenen Blogpost bekommen – und eine späte Diagnose, gerade bei vorhandenem Leidensdruck, ist ein Problem. Auch bei physischen Krankheiten ist das so.

Es geht nicht, dass Leute krank oder kränker werden, weil sie nicht abgeklärt werden – meist aus dem Grund, weil psychische Probleme und Erkrankungen immer noch unter ein Stigma fallen. Es geht nicht, dass nicht sichtbare Störungen oder Probleme als Erfindung abgetan werden. Ich habe ADHS und ich weiß wie es sich anfühlt. Vieles wäre anders gelaufen ohne.

Ich hatte keine Diagnose und hing ewig in der Luft; mit mir und meinem Selbstverständnis. Vielleicht wäre es auch mit Diagnose nicht perfekt gelaufen. Aber zumindest hätte dieses Gefühl, dass irgendwas nicht passt, einen Namen gehabt – und dann wäre es irgendwann verschwunden. Einige Jahre früher als jetzt.

Meine Geschichte ist unter anderem der Grund, warum ich diesen Blog ins Leben gerufen habe. Ich bin nicht nur ADHS und ich werde hier nicht immer über ADHS schreiben. Aber es wird ein Thema. Und es muss ein Thema sein, denn sonst werden die Geschichten wie die meinige, nicht weniger. Wir dürfen nicht mehr so „butthurt“ sein mit solchen Sachen. Es ist nichts Überdramatisches, manche Menschen haben es und es gehört zu ihnen. Es ist einfach nur ADHS.

Keine Freunde für Depressive?

Wir können nicht ständig willkürlich Leute in unser Boot holen und sie wieder über Bord gehen lassen, weil sie keine Kraft mehr zum Rudern haben oder weil uns der luxuriöse Dampfer nur ohne sie aufnimmt. 

Das habe ich hier vor bereits mehr als einem Jahr geschrieben, aber eher allgemein und nicht im Zusammenhang mit der Depression. Freundschaften und Depressionen sind zwei Dinge, die miteinander nicht ganz so gut funktionieren. Ich hatte, beziehungsweise habe immer noch diese kindlichen unrealistischen Vorstellungen von Freundschaften (die ich ehrlich gesagt auch nicht ablegen mag) und war mir sicher: Freundschaften, die wegen Depressionen zerbrechen, waren nie wirklich welche. Das stimmt natürlich auch in einer Art und Weise. Wenn ich sehe, dass Freundschaften zerbrechen – aus welchen Gründen auch immer – dann liegt es immer daran, dass Grenzen erreicht wurden, die vorher noch nicht im Raum standen, von denen man einfach nicht dachte, dass sie existieren. Genau deswegen kann man eigentlich schlecht sagen, ob eine Freundschaft an sich beständig ist, denn manchmal tauchen diese Grenzen einfach nicht auf und man muss nichts in Frage stellen. 

Wer an Freundschaften in Verbindung mit Depressionen denkt, denkt zuerst an Rückzug. Den Rückzug will ich aber heute erstmal hinten anstellen, denn wie es eben nicht DEN Menschen gibt, gibt es auch nicht DEN Depressiven oder DIE Depressive. Es hat nicht eben immer jede komplizierte Situation mit Rückzug zu tun. Zu Beginn meiner letzten Phase habe ich das totale Gegenteil vom Rückzug gesucht, ich war so oft es ging unter Menschen. Der soziale Rückzug ist auch ein Ding, was in der breiten Öffentlichkeit zu einem MUSS gehört, um als depressive Person ernst genommen zu werden – auch wenn Viele diese Einstellung nicht bewusst wahrnehmen: sie haben sie. Als ich den ersten Post zu Depressionen verfasste, bekam ich auch eine Nachricht, dass depressive Menschen gar nicht über ihre Krankheit reden und  er mich somit nicht ernst nehmen könne. Überrascht hat mich das leider nicht. Auch aus diesem Grund möchte ich euch einmal erläutern, warum Freundschaften oft so schwierig werden können – selbst wenn man sich nicht zurückzieht.


Ein Grund ist auf jeden Fall eine völlig unterschiedliche Lebensrealität zwischen Menschen mit und Menschen ohne Depressionen. Die Gesunden sehen vielleicht kein Problem, während es Depressiven schwer fällt mit diesem „Nicht“-Problem umzugehen. Aufpassen: Das heißt nicht, dass es das Problem nicht gibt! Es wird eben nur anders bewertet. 


Wenn ich Depression und Freundschaft eingebe, ist einer der ersten Vorschläge: „Depression Freundschaft kündigen.“ und auch wenn ich die Artikel überfliege, zieht sich einiges in mir zusammen: Neben Tipps, wie man mit Depressiven FreundInnen umgeht, lese ich vor allen Artikel von Menschen, die mit depressiven FreundInnen „fertig werden“ müssen. Ich finde es immer wieder schwierig das zu lesen, denn ich fühle mich als Betroffene ein wenig herabgesetzt. In den Augen der anderen gilt man als eben „nicht gesund“, was auch dazu führen kann, dass man einfach nicht mehr ernst genommen wird. 
Freunde und Freundinnen bekommen ja hier und dort die unterschiedliche Bewertung von Situationen mit – das kann dazu führen, dass jede einzelne Sache, die man selbst kritisiert, zu einem Beweis des eigenen Zustands wird. Nicht von einem Selbst, sondern von Außen. Es ist fast nicht mehr möglich über Dinge zu sprechen, die einen ärgern, da sie ständig in Verbindung mit deiner Krankheit bewertet werden (oder du angeblich schon viel zu oft über negative Dinge gesprochen hast). 


Außerdem kann man als Betroffener oder Betroffene schwer Dinge los lassen, die einen in irgendeiner Weise beschäftigen. 

Da können wir wahrscheinlich erstmal wirken wie eine Mutter, die kein anderes Thema als Windeln und den richtigen Maxi-Cosi kennt – allerdings gibt es auch Gesprächsthemen, die als depressiver Mensch nicht gerade erträglich sind. Aber die hält man aus. 

Ich sehe oft die Konstellation: 
Gesunder Freund oder gesunde Freundin „hält es nicht mehr aus“ und beendet die Freundschaft. Die Situation scheint klar zu sein: Depressiver Mensch war „zu“ depressiv. Dabei gehören immer zwei dazu! 
Wir machen gerne immer einen Fehler: Wir verlangen von unseren Freunden, dass sie uns irgendwie glücklich machen, dass sie uns eine angenehme Zeit verschaffen. Das ist per se erstmal nichts Schlechtes, denn sonst würden wir ja keine sozialen Beziehungen eingehen – nur können wir eben nicht verlangen, dass jemand für uns glücklich ist, nur weil wir uns schlechten Stimmungen nicht so gut entziehen können. 
Freundschaften zerbrechen nicht aufgrund einer Depression, sondern aufgrund eines falschen Umgangs damit – und das liegt nicht nur am Betroffenem selbst. Es fehlt oft eine vernünftige Grundlage miteinander umzugehen. Das schiebe ich meist aber auch auf die mangelnde Aufklärung und sich hartnäckig haltende Vorurteile. 



Wie du als gesunder Mensch auf mich wirkst, wenn es mir schlecht geht

Kennst du dieses Gefühl nach einer harten Trennung? Überall siehst du diese verliebten Pärchen, diese Menschen, die „ihr“ sein könntet.
Damit kannst du dieses Gefühl schon nachvollziehen. Das Gefühl wenn ich dich sehe, wie bei dir alles funktioniert was mir schwer fällt. Bis hierhin ist das noch okay, denn wir haben uns beide unseren Zustand nicht ausgesucht. Aber Einige von deiner Sorte verurteilen mich. Denn ich bin nicht immer das, was du von einer jungen Frau so erwartest. Ich bin gern etwas, was du nicht erwartest, aber ich bin gerne etwas, was ich von mir erwarte. Und das was ich gerade bin, erwarten wir beide nicht. Manchmal weißt du das und es ist dir trotzdem egal – denn „wie du es machen würdest“ steht im Vordergrund. Ich kann nichts mehr richtig machen, denn für dich bin ich ein Konstrukt voll unerfüllter unrealistischer Erwartungen. Du hörst mir nicht mehr richtig zu und bleibst lieber weiter in deiner geradlinigen rosaroten Puderzuckerwelt. 
Du bist anstrengend, auslaugend. Ich ertrage deine herablassende Art nicht mehr. Ich bin nicht da um dich zu schmücken und dir zu geben was du brauchst. Ich bin ich, ich bin eine Person, ein Charakter – ich bin KEINE Krankheit. 
Dein Verständnis ging nicht einmal so weit wie du von dir geglaubt hast.